| Der Augsburger Dichter Bert Brecht als Rebell. (Illu: AI und AL) |
Wer glaubte, der Mann mit Mütze, Zigarre und legendärer Hornbrille würde sich jemals zur Ruhe setzen, täuscht sich gewaltig. Am Freitag, 14. August 2026, jährt sich der Todestag von Bertolt Brecht bereits zum 70. Mal. Ein Mann, der den Theaterzuschauern das gemütliche Einnicken gründlich vergraulte.
| Stefan Schön liest im Augsburger Brecht-Haus. |
1898 in Augsburg geboren, wirbelte der junge Dichter bald die Bühnen der Welt auf. Von der schwäbischen Heimat zog es ihn nach Berlin und im Exil quer über den Globus. Mit Klassikern wie der »Dreigroschenoper« oder »Mutter Courage und ihre Kinder« erfand er das Epische Theater neu. Stets verlangte er dem Publikum Mitdenken ab, statt billige Emotionen zu liefern. Am Freitag, 14. August 1956, verließ Brecht schließlich im damaligen Ost-Berlin die Bühne des Lebens.
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| Bert Brecht als Kind mit seiner Mutter und seinem Bruder in Augsburg. |
Die internationale Kulturszene blickt gespannt auf die Bert Brecht Stadt Augsburg, denn am Freitag, 14. August 2026 jährt sich der Todestag des berühmten Dramatikers zum siebzigsten Mal, was weltweit einen echten Wendepunkt markiert, da die Urheberrechte auf seine Werke zum Jahresende endgültig auslaufen.
Theatermacher rund um den Globus reiben sich bereits fröhlich die Hände, da sie seine Stücke bald ohne strenge Vorgaben neu interpretieren dürfen, was sicherlich für einige spannende Überraschungen auf den Bühnen sorgen wird, weshalb wir hier die wichtigsten internationalen Nachrichten rund um unseren weltbekannten Literaten gesammelt haben.
Sonderausstellung präsentiert unveröffentlichte DDR-Zeitungen zu Brechts Tod
Die Staats- und Stadtbibliothek Augsburg eröffnet eine Foyer-Ausstellung mit einem bislang unveröffentlichten Zeitungsbestand aus der DDR, der dokumentiert, wie das Ableben des Dramatikers im August 1956 jenseits und diesseits der Grenze aufgenommen wurde.
Der Nachruf aus der Schwäbischen Landeszeitung (später Augsburger Allgemeine) verdeutlicht zudem die damaligen Vorbehalte gegenüber dem großen Sohn der Stadt, dessen Schriften bis heute hochaktuell und streitbar geblieben sind.
Adresse: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Schillstraße 94, 86169 Augsburg.
Zeit: Mittwoch, 12. August 2026 bis Freitag, 28. August 2026, täglich von 10:00 Uhr bis 17:00 Uhr.
Eintrittspreis: Eintritt frei.
Link: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg
Österreichischer Rundfunk widmet unserem Literaten eine musikalische Sondersendung
Obwohl der Ausstrahlungstermin knapp nach dem eigentlichen Gedenktag liegt, sorgt die Ankündigung des Senders ORF bereits jetzt für große Vorfreude bei allen Kulturfreunden, da er eine ausführliche Sendung über die musikalische Strahlkraft des Künstlers angekündigt hat. Unter dem treffenden Titel »Die Kunst, die Welt zu verändern« wird sein immenser Einfluss auf moderne Popikonen wie David Bowie detailliert besprochen, was man sich als echter Fan auf keinen Fall entgehen lassen sollte.
Adresse: Radiosender ORF Ö1.
Zeit: Sonntag, 16. August 2026 um 17:10 Uhr.
Link: ORF Radioprogramm
Globale Gelehrte diskutieren in Kanada über Ökologie und Dramatik
Weit weg von der Schwabenmetropole Augsburg versammelte sich die International Brecht Society an der University of Victoria in Kanada zu ihrem achtzehnten Symposium. Vom Mittwoch, 22. Juli 2026 bis zum Sonntag, 26. Juli 2026 beleuchteten die Teilnehmer unter dem passenden Motto »Brecht im Anthropozän« die aktuellen ökologischen Krisen, wobei sie seine literarischen Arbeiten als Basis für wichtige Debatten über den Klimawandel und die Natur nutzten.
Adresse: University of Victoria, 3800 Finnerty Road, Victoria, BC V8P 5C2, Kanada.
Zeit: Mittwoch, 22. Juli 2026 bis Sonntag, 26. Juli 2026.
Link: International Brecht Society
Veranstaltungsdetails:
Lesung »… in der Frühe sind die Tannen kupfern« mit Stefan Schön
Datum: Freitag, 14. August 2026
Zeit: 19:00 Uhr
Adresse: Brechthaus Augsburg, Auf dem Rain 7, 86150 Augsburg
Eintrittspreis: 8,00 Euro
Informative Links:
https://www.brechthaus-augsburg.de und
https://auxlitera.de
| Brechts bekanntestes Stück. Mit Musik von Kurt Weill. |
Stimmen zum Tod von Bertolt Brecht
Ein großer Dichter und Friedenskämpfer
Ein Jahr, nachdem Thomas Mann von uns gegangen ist, fast auf den Tag genau, hat der Tod dem deutschen Volke wiederum einen seiner größten Dichter entrissen. Das überaus Schmerzliche ist, dass Bertolt Brecht sein Leben nicht wie jener hochbetagt vollenden konnte. Brecht war eine ganze Generation jünger. Das deutsche Volk, die ganze fortschrittliche Welt, durften noch viel von ihm erwarten. Er selbst, der seine Werke bescheiden Versuche nannte, hätte nicht daran gedacht, sein Werk als abgeschlossen zu betrachten. Abgeschlossen konnte sein Werk umso weniger sein, als er zu den Besten gehörte, die den Grundstein für eine sozialistische deutsche Nationalliteratur gelegt haben, für die deutsche Literatur der Zukunft.
Brecht, der aus dem Bürgertum stammt, ist einer von den Menschen, über die das »Kommunistische Manifest« sagt, dass sie »zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich heraufgearbeitet« und sich der revolutionären Klasse angeschlossen haben. Doch schon ehe er erkannte, fühlte er, wohin er gehörte. Er hat selbst beschrieben, wie ihn schon 1918 die kämpfende Arbeiterklasse an sich gezogen hat. Er war damals Sanitätssoldat in Bert-Brecht-Stadt.
»Die Kasernen und sogar die Lazarette leerten sich, die alte Stadt füllte sich plötzlich mit neuen Menschen, in großen Zügen aus den Vorstädten kommend, von einer Lebendigkeit, welche die Straßen der Reichen, der Ämter und Kaufleute nicht kannte. Einige Tage lang sprachen Arbeiterfrauen in den schnell improvisierten Räten und wuschen jungen Arbeitern in Soldatenkitteln die Köpfe, und die Fabriken hörten die Befehle der Arbeiter. Einige Tage, aber was für Tage! Überall Kämpfer, aber zugleich friedliche Leute, aufbauende Leute!«
Der Ausgang der Novemberrevolution musste ihn enttäuschen. Noch ohne feste Bindung zur Arbeiterklasse, ohne tiefere Kenntnis des Marxismus, Leninismus trug sein Rebellentum anarchistische Züge. Das ist noch der Geist der »Dreigroschenoper«, mit der er berühmt wurde. Die Kenntnis des dialektischen Materialismus gab dann dem bisher Gefühlten und ungenau Gewussten den festen, klaren Umriss. Für einen so vorwiegend denkenden Dichter wie Brecht musste das eine neue Etappe seines Schaffens bedeuten. Diese Wendung vollzog Brecht in einem Augenblick, als Hitlers Bürgerkriegsgarden in Deutschland aufmarschierten und viele deutsche Intellektuelle sich ins Unverbindliche zurückzogen oder sich gleichzuschalten begannen.
Marxist sein heißt, die Welt nicht nur richtig interpretieren, sondern sie verändern. Brecht wollte mit seiner Dichtung die Welt verändern. Es ist auch der Sinn seiner Versuche in der Form, seine Theorie des epischen Theaters, dass der Zuschauer zum Denken angestoßen, zur Entscheidung gezwungen, zum Handeln bewegt wird. »Seine Stücke sind Propaganda«, klagt die bürgerliche Kritik. Ja, das sind sie. Und sie sind große Kunst. Brecht gehört zu den ersten Dramatikern unserer Zeit und zu den größten Meistern des deutschen Wortes. Große Kunst ist aber eine starke Kraft, nicht leicht zu unterdrücken oder zu verschweigen. So muss die bürgerliche Kritik Brechts Werk murrend anerkennen. »Leider ist Deutschlands hervorragendster Dramatiker und Regisseur Brecht«, schrieb vor kurzem die amerikanische Zeitschrift »Saturday Review«.
Brecht als kämpfender Dichter hat noch unmittelbarer in den politischen Tageskampf eingegriffen. Er sprach nicht oft, aber seine knappen, prägnanten, bildhaften Sätze hatten weite Wirkung. Wer könnte seinen Brief vom September 1951 vergessen, in dem er Adenauers Kriegspolitik brandmarkte:
»Werden Deutsche auf Deutsche schießen? Die Antwort: Wenn sie nicht miteinander sprechen, werden sie aufeinander schießen. ... Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.«
Das letzte Wort, das er in die Öffentlichkeit gesprochen hat, ist der Brief vom 3. Juli dieses Jahres, gerichtet an den Bundestag in Bonn vor der Wiedereinführung der Wehrpflicht in Westdeutschland. Darin heißt es:
»Jetzt, an der Schwelle des Alters, höre ich, dass die Wehrpflicht zum drittenmal eingeführt werden soll. Gegen wen ist der dritte Krieg geplant? Gegen Franzosen? Gegen Polen? Gegen Engländer? Gegen Russen? Oder gegen Deutsche?«
Brecht erklärt sich gegen die Wehrpflicht und schlägt eine Volksbefragung in beiden Teilen Deutschlands vor. Dieser Brief des großen deutschen Dichters hat nun das Gewicht eines letzten Vermächtnisses an sein Volk erhalten.
So hat der Tod einen Kämpfer für den Frieden und für den Sozialismus mitten im Kampf getroffen. Um ihn trauert das deutsche Volk, um ihn trauern die fortschrittlichen Menschen in der ganzen Welt. Besonders schwer sind wir in der Deutschen Demokratischen Republik getroffen, denn wir waren stolz darauf und sind es noch, dass der große Dichter zu uns gehörte, bei uns lebte und arbeitete. Sein in die Zukunft weisendes Werk ist fest mit unserem Arbeiter, und, Bauern, Staat verbunden, weil uns die Zukunft in Deutschland gehört. In dieser lichten Zukunft wird Bertolt Brechts Werk gut aufgehoben sein und weiter wirken.
(Neues Deutschland)
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| Becht als Student. |
Der poetische Dialektiker
»Es ist Zeit für die Theatergruppen, wo die Requisiten zu Ende sind«, schreib Bertolt Brecht in der Mitte der dreißiger Jahre im Exil. Damals lag hinter ihm das lyrische Jugendwerk, das er, eine gelungene Mischung aus rebellischer Gebärde und zartester Balladenton-Poesie, mit »Hauspostille« betitelte. Ihm folgte eine Periode der Suche nach einem neuen Sinn der Kunst, den er schließlich in der politischen Brechung fand. Brecht stellte die Dichtung in den Dienst einer Idee, der Bewegung, die mit der Ausbeutung des Menschen schlußmachen wollte. Er sah den Sinn der Kunst in der Möglichkeit, die Welt zu verändern. Es war ein Prozeß des Nachdenkens, des Suchens und Prüfens. So wurde Brecht zum poetiſchen Dialektiker des XX. Jahrhunderts.
Gegenüber den schöpferischen Möglichkeiten der neueren deutschen Literatur, die oft in einer reinen Subjektivität verharren, vertrat Brecht eine Kunst, die auf das Ganze gerichtet war. Gegenüber dem »stimmungsvollen« bürgerlichen Drama erfand er die Form des epischen Theaters, der Lehrstücke. Der frühe Brecht stammte aus der Tradition des bayerischen Moritatensängers und des Villonschen Bänkelsängers. In seinen frühen Stücken schlug das Herz noch im Rhythmus des Anarchischen, das im Untergang seinen Sinn fand. Der spätere Brecht – im Exil in Skandinavien und Amerika – formulierte seine Theorie des epischen Theaters, legte den Grundsatz der Verfremdung fest, die das Geschehen auf der Bühne für den Zuschauer nicht mehr fraglos, sondern fragwürdig machen sollte, damit er lerne, nach den Ursachen der gesellschaftlichen Misere zu fragen. Es war die Zeit, in der Brecht das Schicksal der Massen im Drama spiegelte, in der er den Klassenkampf mit den Mitteln der Kunst nachzeichnete, der Zeit des Faschismus die Dialektik des Überlebens entgegensetzte. Die Überlebenskunst, wie sie die »Mutter Courage« oder der »Galilei« zeigen, war für ihn kein passives Erdulden, sondern aktiver Widerstand.
Seine Stücke wurden Schulbeispiele des modernen Theaters. Mitten in der Zeit des Ungeistes stellte er den Geist in die Nähe und in die Form des Mißtrauens. Brecht wollte den Zuschauer nicht berühren, sondern nachdenklich machen. Er wollte ihn nicht hinreißen, sondern aktivieren. Er sah die Kunst als eine der produktivsten Methoden, um die Welt zu begreifen und zu verändern.
Ihm gelang etwas, was nur wenigen gelungen ist: Das Theater als ein Feld der Aufklärung zu benutzen, ohne dabei die Poesie zu vergessen. Seine Gedichte gehören zum Schönsten, was die deutsche Lyrik hervorgebracht hat. In ihnen vereint sich eine erstaunliche Einfachheit mit höchster gedanklicher Schärfe. Sie sind frei von allem Pathos, frei von jedem falschen Ton. Es sind Zeugnisse eines Mannes, der mit wachen Augen durch die Welt ging, der das Leiden der Menschen sah und doch den Glauben an die Zukunft nicht verlor. Er war ein Meisterschütze der Sprache, der das Wort wie eine Waffe zu handhaben wusste.
Der späte Brecht kehrte nach Deutschland zurück, um in Berlin ein Ensemblesystem aufzubauen, das Weltruhm erlangen sollte. Das Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm wurde unter seiner Leitung zu einem der führenden Theater Europas. Brecht hinterläßt ein Werk, das die deutsche Dramatik und Lyrik des XX. Jahrhunderts entscheidend geprägt hat. Er hat dem Theater neue Wege gewiesen und der Poesie eine neue Dimension verliehen. Sein Tod ist ein unermeßlicher Verlust für die deutsche Literatur und die Kultur der ganzen Welt.
(Wolfgang Drews, FAZ)
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| Brecht vor dem US-Ausschuss für unamerikanische Aktitivitäten. |
Sein Herz schlug zu weit links
Zum Tode des Dramatikers und Schriftstellers Bertold Brecht
Am Dienstagabend, wenige Minuten vor Mitternacht, ist in Berlin der 58 Jahre alte Schriftsteller und Dramatiker Bertold Brecht gestorben. Ueberraschend auch für diejenigen, die wußten, daß er seit einigen Jahren schon nicht mehr mit voller Kraft arbeiten konnte, erlag er einem Herzinfarkt. Damit hat das geteilte Deutschland — Brechts politische Position und Absicht beiseite gelassen — einen der bedeutendsten zeitgenössischen Dramatiker verloren, der es verstanden hat, das Gespräch um ihn und sein Werk seit dem Ende des zweiten Krieges lebhaft wiederaufleben zu lassen.
Ein unruhiges Leben ist zu Ende gegangen. Am 10. Februar 1898 wurde er in Augsburg geboren, wo er auch das Realgymnasium besuchte. Schon damals markierte sich der Sohn einer guten, bürgerlichen Familie als durchaus eigenwillige Persönlichkeit, die nach kurzem Studium sich ganz der Literatur verschrieb. Mochten manche anfänglich seine stark links, ja äußerst links gerichtete Gesinnung als nach dem ersten Weltkrieg vielfach zu beobachtende Modeerscheinung bewerten, Bertold Brecht belehrte sie bald eines anderen. Es war ihm ernst mit seinem Kampf gegen das Bürgertum, mit seiner Propaganda für den Anarchismus und dann den Kommunismus, mit dem Kampfrüf gegen eine saturierte Welt, die ihn erboste, die ihn neben der Literatur Politik machen ließ, womit er dann selbst die Schatten zu werfen begann, die seitdem um ihn Zwielicht gebaren.
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Daß die Herren, die 1933 an die Macht kamen, Bertold Brecht keinen Platz mehr gönnten, durfte nicht überraschen. Die Folge des Jahres 1933 war für Brecht eine über ein Dutzend Jahre währende, unfreiwillige Weltreise, in die Schweiz, nach Sowjetrußland, in skandinavische Länder, schließlich nach den USA. Manchem aus dem Kreis seiner literarischen oder politischen Freunde war diese „Reise“ zum Verhängnis geworden, Brecht blieb auch in diesen unruhigen Jahren produktiv, wenngleich ihm das unterhaltsnotwendige Schreiben von Filmgeschichten das Heimweh nach Deutschland nicht vertreiben konnte. Als er nach Kriegsende in die Heimat zurückkehrte, da schockierte er dann doch manchen, der — und damit hatte er Brecht verkannt — geglaubt hatte, die langen Jahre der Emigration hätten in Brechts Herz und Verstand einige Umstellungen verursacht. Brecht ging ins östliche deutsche Lager, eckte bei den Machthabern der SED anfänglich etwas an, fügte sich dann aber doch dem alle Lebensgebiete uniformierenden Willen der Herren von drüben, wofür er im Mai 1955 in Moskau den ihm im Jahr zuvor verliehenen Stalin-Preis — mit der materiellen Beigabe von rund 100 000 Mark — in Empfang nehmen durfte. Zusammen mit seiner Schauspieler-Gattin Helene Weigel leitete er das (Ost-) „Berliner Ensemble“, ein Schauspieler-Kollektiv, das in den letzten Jahren auch in Westdeutschland durchaus mit Achtung zur Kenntnis genommen wurde.
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Wer Brecht ganz verstehen will, der muß jene Anekdote kennen, die seine Augsburger Schulkameraden erzählen: Leicht tat sich Brecht auf dem Realgymnasium nicht. Viele Rätsel gab ihm die französische Sprache auf. Einer seiner französischen Aufsätze, wichtig für Brechts Versetzung, war unter aller Kanone ausgefallen. Ein rotes Schlachtfeld hatte der Lehrer aufgemalen. Nur einen Augenblick war Brecht verlegen, dessen Versetzung so gut wie dahin schien. Dann strich er seinerseits mit roter Tinte herum, markierte richtige Stücke als falsch und ging zum Lehrer, um zu fragen, was denn hier falsch sei. Der Lehrer ließ sich düpieren. Auf Brechts Hinweis, daß er dann doch eine bessere Note erhalten müsse, wußte der überrumpelte Pädagoge nichts anderes zu tun, als tatsächlich eine bessere Zensur zu geben. Brecht war gerettet. Was steckt hinter dieser Anekdote? Neben vielem anderen wie Menschenkenntnis und Logik vor allem eine kühle Berechnung, ein scharfes Denken, ein ausgesprochenes Kalkül. Solche Berechnung, solches Denken und dieses spitze Kalkulieren, sie erscheinen immer wieder bei Brecht, beim Menschen und in seinem Werk. Kein Satz ist von Brecht ohne Absicht geschrieben, keiner zuviel und keiner zuwenig, wenn es galt, die Geißel zu schwingen; ursprünglich gegen alles, gegen Gott und die Menschen, gegen die Großen und die Kleinen, die ja auch ihre Zicken machen. Dabei hat das Brecht immer mit einer gewissen Faszination zu gestalten verstanden, so gut, daß diejenigen, die es anging, darüber lachten, weil sie den kleinen Kern übersahen, der in der interessanten Hülle steckte, und den ihnen der Autor als Giftweizen zugedacht hatte. Sie übersahen, wie Brechts Augsburger Lehrer, den Trick.
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Eine gewisse Tragik ist es zweifelsohne, daß Brecht just in dem Augenblick starb, in dem die westliche Welt eine Reminiszenz an seine frühen Erfolge lebendig werden ließ. Wir meinen die Wiederauferstehung von Details seiner „Dreigroschenoper“, von der heute Stücke des musikalischen Parts aus jedem Lautsprecher in vielen Varianten zu hören sind, aus der heute am frühen Morgen der Bäckerlehrling den Song vom Haifisch, der die Zähne im Gesicht hat, pfeift und abends der Vater beim Zeitungslesen alte große Theatererinnerungen auffrischt. Zu ihnen gehören des frühen Bert Brecht Schauspiele „Mann ist Mann“ und „Trommeln in der Nacht“ (1922 mit dem Kleistpreis ausgezeichnet) und die „Dreigroschenoper“, das Parallelstück zu John Gays alter englischer Bettler-Oper. 1928 verzeichnete Brecht mit der „Oper“ um Mackie Messer einen Riesenerfolg auf der Bühne, zusammen mit seinem Komponistenfreund Kurt Weill. Später kamen „Mutter Courage und ihre Kinder“, „Galileo Galilei“, „Der gute Mensch von Sezuan“, „Der kaukasische Kreidekreis“ und andere. Letztere wurden aber schon überschattet von dem Politiker Brecht, der dem Dichter Brecht verschiedene Male in die Quere kam.
Brecht verstand es, Theater zu machen, und sein Werk hat im von ihm keineswegs geliebten Westen größeren Widerhall gefunden als im Osten. Ehrlich ist man — trotz manchen Widerstands — dem Dramatiker entgegengekommen, dem dramaturgischen Architekten, der ja viele „Lehrstücke“ geschrieben hat mit den detailliertesten Anweisungen für die Aufführung, um sie ganz in seinem Sinne zu gestalten — für die unschönen Töne, die zurückhalten, traf ein gut Teil Schuld den Autor selbst. Er schrieb gegen den Krieg und für die Wahrheit, für die unabdingbare Wahrheit; aber strafte er sich nicht selbst furchtbar Lügen, wenn er dem Osten unausgesprochen das zugestand, was er dem Westen streitig machte, wenn er über die Wahrheit schrieb, daß „es schwierig ist, die Wahrheit zu schreiben, weil sie allenthalben unterdrückt wird“, und er eben unter dem Schutze persönlichen Wohlwollens jener schrieb, die die Wahrheit überhaupt nicht kennen wollen?
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Bertold Brecht ist tot. Ein Mensch mit Irrtümern und Verdiensten. Ein Mensch, der politisch sein Augenlicht mit Scheuklappen schützte, ein Schriftsteller von persönlichem Format, ein Dramatiker, der sein Handwerk bewußt zu lenken verstand, ein Lyriker dazu, der mit den feinen, farbenreichen Tönen seiner „Hauspostille“ noch lange Anerkennung finden wird. Ein Mensch im Licht und im Schatten, weil eben doch sein Herz — unter dem Einfluß politischer Intuitionen — zu weit links schlug.
(G. J. Speckner, Schwäbische Landeszeitung, späer Augsburger Allgemeine)
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| Brecht mit seiner Maske. |




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