Neue Plagen in Augsburg!

Die vier apokalyptischen Reiter (Gemälde von Wiktor Wasnezow von 1887): Krieg, Teuerung, Hunger und Pestilenz. Sie könnten uns auch heute bekannt vorkommen …


Vortrag im Augsburger Stadtarchiv über historische Seuchen

In der Reihe „Stadtgeschichte aktuell“ stellt das Stadtarchiv Augsburg in loser Folge neue Forschungen mit aktuellem Bezug vor und will damit eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlagen – nun endlich auch wieder als Präsenzveranstaltungen.


Andrea Walser vom Stadtarchiv stellte den Referenten vor und zeigte eine archivalische Kostbarkeit, die Reischlesche Chronik von 1563. Darin ist für den 5. Juni verzeichnet, dass „die Seyboldin mit sechzehn pestilenzialischen Zeichen am Körper“ und sogar auf der Zunge gestorben sei – die erste Erwähnung der Pestwelle von 1563/64 mit tausenden von Toten!.

Der Medizinhistoriker Prof. Dr. Kay Peter Jankrift von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster hat sich im Augsburger Stadtarchiv – nicht zum ersten Mal – historische Dokumente genauer angesehen. Er stellte nun seine Erkenntnisse im Rahmen seines Vortrags „Leben mit dem Tod. Pest, Lepra und ‚neue Plagen‘ im mittelalterlich-frühneuzeitlichen Augsburg“ vor. Er ging dabei auf die medizinischen und sozialen Folgen der damaligen Epidemien ein.

Zu Beginn verwies er auf die vier apokalyptischen Reiter aus der Apokalypse des Johannes, in der populären Deutung sind das Krieg, Teuerung, Hunger und Pestilenz. Welch aktuelle Auflistung!

Dann wurde er konkreter. Tödliche Infektionskrankheiten, wie sie auch unseren Alltag seit zwei Jahren bestimmen, waren bereits im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit eine stetige Bedrohung für die Stadtbevölkerung. Pest, Lepra, "Franzosenkrankheit" und "Englischer Schweiß" forderten als Geißeln ihrer Zeit auch in Augsburg unzählige Opfer und stellten die Stadt im Umgang mit der Krankenversorgung bereits damals vor besondere Herausforderungen. Im Unterschied zu damals sind heute die Erreger bekannt (ja sogar sichtbar, siehe Corona-Virus). Im Mittelalter und der Frühneuzeit musste man sich im Wesentlichen auf die theoretischen Grundlagen der Medizin verlassen, die Hippokrates und Galen im 4. Jahrhundert vor bzw. im 2. Jahrhundert n. Chr. gelegt hatten. Danach wurden die vier Körpersäfte durch die Miasmen (Dünste) angegriffen und so die Krankheiten ausgelöst. Noch heute sagt man „es stinkt wie die Pest“.

Die erste große Krankheit, bereits aus der Antike bekannt, war die Lepra. Hervorgerufen durch einen erst 1873 entdeckten Erreger, übertragen durch Tröpfcheninfektion bei häufigem Kontakt und einer sehr langen Inkubationszeit (bis zu 40 Jahre!), rief sie ein langes, chronisches Leiden hervor und zog zwangsläufig auch den sozialen Tod mit sich. Die Kranken wurden als wegen göttlicher Sündenstrafe unrein angesehen; ihr Besitz wurde eingezogen und sie mussten von der Gesellschaft abgesondert leben. In Augsburg wurden drei Leprosorien eingerichtet (St. Servatius seit 1264, St. Sebastian ab 1463 und St. Wolfgang 1448), alle außerhalb der Stadtmauern. Dort wurden die Kranken gut versorgt, hatten sich aber auch zu benehmen und bei der Aufnahme gewisse Eigenleistungen einzubringen; auch wurden sie gründlich von Ärzten untersucht und die Krankheit genauer diagnostiziert. Während ihres langen Lebens in den Leprosorien erwarteten die Wohltäter, dass die Kranken täglich für sie beteten – das wog die Kosten der Versorgung dann auf.

Ganz anders bei der Pest, die seit Mitte des 17. Jahrhunderts immer wieder grassierte. Sie hatte einen extrem schnellen Krankheitsverlauf, daher lohnte sich die geistliche Kosten-Nutzen-Rechnung nicht mehr. Zur reinen Isolierung der Pestkranken wurden innerhalb der Stadtmauern Pesthäuser eingerichtet. Auch die Pest wurde auf faulige Dämpfe, aber auch auf Himmelskonstellationen zurückgeführt. Während Augsburg von dem ersten Massensterben, das Europa von 1348 bis 1351 heimsuchte, verschont blieb, schlug die Epidemie 1563 und dann noch 25 weitere Male schrecklich zu. Es gab bis weit ins 18. Jahrhundert mehrere verheerende Pestwellen.

Interessanterweise traten die Begleiterscheinungen der Judenpogrome („Brunnenvergifter“!) und Flagellanten-Prozessionen meist vor der Ausbreitung der Seuche auf und waren somit Vorboten des Weltuntergangs. Außer der Isolierung der Kranken und dem Ausräuchern gab es als Prophylaxe vor der Pest nur die Flucht; ansonsten schlug sie vor allem – wie man heute weiß – bei bereits Immungeschwächten zu. Man konnte die Pest aber auch überleben; dennoch raffte sie allein aus dem 20köpfigen Mediziner-Collegium in Augsburg 11 Ärzte dahin! Die von Abbildungen bekannten schnabelförmigen Pestmasken gab es in Augsburg (und übrigens auch in Venedig!) nicht, die Ärzte versuchten sich mit Essigschwämmen zu schützen, die sie sich vor die Nase hielten. Die Maßnahmen, die die Stadt damals ergriff, erinnern schon sehr an die Corona-Pandemie unserer Tage: Begrenzung der Gästezahl bei Hochzeiten, Schließung von Badhäusern, erhöhte Reinigungsmaßnahmen…

Nach der Entdeckung der Neuen Welt kam dann auch die „Franzosenkrankheit“, die Syphilis, auf. In Augsburg wurde für die daran Erkrankten bereits 1521 vor dem Lueginsland ein „Großes Brechhaus“ eingerichtet.

Urplötzlich trat dann 1529 der „Englische Schweiß“ auf und suchte mit übelriechendem Schweiß, Fieber, Hautrötungen und Herzrasen die Erkrankten heim. Der Tod trat bereits in wenigen Stunden ein – allerdings gab es leidlich wirksame Behandlungen, die in Flugschriften überliefert sind. Besonders wichtig war es, die Kranken vom Schlaf abzuhalten und trotz ihres Fiebers dick in Decken einzuwickeln. Dann war es nach 24 Stunden meist vorbei; in Augsburg starben von 3.000 Infizierten „nur“ 600. Die Krankheit trat danach nie wieder auf und ist bis heute völlig ungeklärt.

Das Fazit des Medizinhistorikers: Epidemien sind Teil unserer Vergangenheit, Gegenwart und wahrscheinlich auch Zukunft. Wir stehen teilweise immer noch genauso hilflos davor wie die Menschen der frühen Neuzeit – und auch gesellschaftliche Verwerfungen spüren wir wieder.


P.S. Eigene Recherchen ergaben, dass sich so manche Maßnahme zur Eindämmung der Epidemie 1:1 gleicht: Auch 1854 wurde in Augsburg die Michaeli-Dult abgesagt…


Text und Foto: Sabine Sirach


Kay Peter Jankrift bei seinem Vortrag: abwägend zwischen
Quellenlagen und populärem Wissen-



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