Goethe in Augsburg: "Kaufleute fangen und Fuhren wegnehmen!"



Wusstest du eigentlich, dass die Stadt Augsburg bei dem Autor Johann Wolfgang von Goethe fast komplett leer ausgeht? In seinem ganzen Werk taucht Augsburg nämlich nur ein einziges Mal so richtig auf. Das passiert in seinem frühen Kracher „Götz von Berlichingen“, ein Theaterstück von 1773. Die Story vom Mann mit der Eisenfaust spielt um das Jahr 1520 herum. Direkt am Anfang des dritten Akts stehen wir in einem Garten in Augsburg.

Dieser Garten liegt an einer langen Straße, über die gerade der Kaiser anspaziert kommt. Ein paar Kaufleute aus Nürnberg stehen da auch schon parat. Sie wollen sich beim Kaiser mal so richtig über den Ritter Götz ausheulen. Goethe verrät uns zwar nicht den Namen des Kaisers, aber es ist ziemlich klar, dass Maximilian I. gemeint ist. Der Garten gehörte damals wohl zu einem der schicken Patrizierhäuser.

Der Kaiser kommt vermutlich gerade vom alten Rathaus, wo der Reichstag stattfand. Er spaziert über den Weinmarkt, den wir heute als Maximilianstraße kennen, direkt in diesen Garten. In der Szene wird Götz beim Kaiser als Anführer im Bauernkrieg angeschwärzt. Das ist zu diesem Zeitpunkt aber totaler Quatsch und gelogen. Was Goethe im Drama übrigens weggelassen hat: Der echte Götz saß in Augsburg sogar mal anderthalb Jahre im Knast. Er war Gefangener des Schwäbischen Bundes und wurde in einem Stadttor an der Frauentorstraße festgesetzt. Ausgerechnet in der Stadt der Fugger, die mit ihrem Geld halfen, die Truppen gegen die Bauernheere zu finanzieren. Auch Götz erkannte, dass das ausbeuterische Treiben von Kaufleuten und Bankiers wie Jakob Fugger ein großes Übel für die damalige Gesellschaft war. Damit sahen die einst mächtigen Ritter auch ihre Macht davonschwimmen, übernommen von  Geldgierigen. So ist es nicht verwunderlich, dass Goethe in seinem Theaterstück dem Ritter Götz die Worte in den Mund legt: "Kaufleute fangen und Fuhren wegnehmen!"

Beim Aufstand der schwäbischen Bauern gegen ihre Unterdrückung, Höhepunkt war 1525, zwangen sie Götz ihr Anführer zu werden. Er übernahm das Kommando über den sogenannten „Hellen Lichten Haufen“, einen großen Trupp der Bauern im Odenwald. Götz behauptete später in seiner Autobiografie, dass er nur eingewilligt habe, um Schlimmeres zu verhindern und zwischen den Bauern und dem Adel zu vermitteln. Er wollte die Zerstörung von Klöstern und Schlössern begrenzen. Lange hielt die Verbindung von Götz mit den Bauern nicht. Nach nur vier Wochen setzte er sich heimlich ab und kehrte auf seine Burg Hornberg zurück. Obwohl er behauptete, gezwungen worden zu sein, nahmen ihm die anderen Adligen diesen „Verrat“ sehr übel. Es war genau dieser Vorwurf der Zusammenarbeit mit den Bauern, der letztlich zu seiner Gefangennahme durch den Schwäbischen Bund und seiner Haft in Augsburg führte.

Kaiser Maximilian muss Goethe aber echt beeindruckt haben. In der ersten Fassung des Stücks, die nie gedruckt wurde, gab es nämlich noch eine Szene in Augsburg. Da legt sich Maximilian mit den Reichsfürsten an. Er will Kohle für einen Kreuzzug sehen, aber die Fürsten haben darauf mal so gar keine Lust.

Götz von Berlichingen wurde als Gefangener des Schwäbischen Bundes für etwa anderthalb Jahre in Augsburg festgesetzt. Sein Gefängnis war damals ein Stadttor an der Frauentorstraße. Wenn man vom „Schwäbischen Gruß“ spricht, meint man eigentlich nur die nette Umschreibung für das altbekannte „Leck mich am Arsch.“ Das klingt zwar erst mal nach Gosse, ist aber im Süden völlig normaler Dialekt Sogar die ganz Großen fanden das ziemlich amüsant. Goethe hat den Spruch in seinem „Götz von Berlichingen“ verewigt. Da lässt er den Hauptdarsteller dem kaiserlichen Gesandten mal so richtig die Meinung geigen. Der berühmte Musiker Wolfgang Amadeus Mozart, ein Sohn des Augsbürgers Leopold Mozart, war sich für den Spaß ebenfalls nicht zu schade. Er hat direkt ein paar Kanons drüber geschrieben, damit man die Aufforderung auch noch schön im Chor singen kann. Das zeigt doch mal wieder, dass man auch in Augsburg und Umgebung schon immer wusste, wie man Leuten gepflegt die Meinung sagt.

Goethe auf der Reise in Italien.
Gemalt 1787 von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. 


Interessant ist dabei, dass Johann Wolfgang von Goethe diese Episode in seinem berühmten Drama „Götz von Berlichingen“ gar nicht verwendet hat. Obwohl das Stück teilweise in Augsburg spielt, zum Beispiel in einem Garten an der heutigen Maximilianstraße, sparte Goethe die reale Gefangenschaft des Ritters in der Stadt aus.

Goethe war 1790 gleich zweimal in Augsburg unterwegs. Sein Chef Herzog Carl August schickte ihn los, um die Herzoginmutter in Venedig einzusammeln. Auf dem Hinweg checkte er im Gasthof zum Weißen Lamm ein. Dort befindet sich heute noch eine Gedenktafel, auch wenn das Hotel nicht mehr existiert. Aber auf der anderen Straßenseite hat vor einigen Jahren ein Lokal aufgemacht, das sich geschichtsbewusst "Zum weißen Lamm" nennt. Goethe schaute sich damals in Augsburg sogar eine Totenfeier für Kaiser Franz Joseph II. im Dom an.

Seine Notizen dazu liegen heute im Stadtarchiv. Sie sind zwar kaum lesbar, enthalten aber ein echt schräges Lob. Er schwärmte nämlich vom „Wohlgeruch der Freiheit“ in Augsburg. Damit meinte er aber nicht Party ohne Ende. Goethe war kein Fan der Französischen Revolution, die damals ausgebrochen war. Er liebte Ordnung. Ihm gefiel es, dass die Freiheit in Augsburg durch die strengen Regeln der Patrizier ordentlich eingegrenzt war. Wahrscheinlich sympathisierte Goethe mit Götz, der mit den freiheitsliebenden Bauern und Bürgern gegen den ausbeuterischen Adel und ihre Truppen kämpfte. 

Weisenheim am Sand: Gedenktafel zum deftigen Spruch von
Götz von Berlichingen. 



- - -

Auf diese Geschehnisse mit Goethe und Augsburg macht uns die Augsburger Goethe-Gesellschaft aufmerksam, die 2005 geründet wurde und nun ihr 20jähriges Bestehen feiert. 

"Götz von Berlichingen" ist hier zu lesen.

Kommentare