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| Unser Herausgeber und Chefredakteur Arno Loeb am Grabstein von Bert Brecht in Berlin. |
Ein Gespräch an der Schwelle: Bertolt Brecht zum neuen Jahr
Unser Herausgeber Arno Loeb unterhält sich mit dem weltberühmten Augsburger Autor Bert Brecht an seinem Grab in Berlin
Neue Augsburger Rundschau: Herr Brecht, wir stehen vor einem neuen Jahr. Viele Menschen blicken mit einer Mischung aus Hoffnung und Angst auf das, was kommt. Wie betrachten Sie diesen kalendarischen Einschnitt?
Brecht: Ach, diese Kalenderblätter. Sie suggerieren uns eine Ordnung, wo oft nur das Chaos der Verhältnisse herrscht. Ein neues Jahr ist erst einmal nur eine neue Zahl. Das Alte wird nicht automatisch weggewischt. Die Kälte in den Häusern und die Kälte in den Köpfen bleibt bestehen, wenn wir nicht die Hand anlegen. Man sollte das Neue nicht erwarten wie ein Geschenk. Man sollte es eher betrachten wie ein unbehauenes Stück Stein.
Neue Augsburger Rundschau: Viele fassen zum Jahreswechsel gute Vorsätze. Man will ein besserer Mensch werden oder gesünder leben. Was halten Sie von diesem Brauch?
Brecht: Der Mensch möchte immer gerne gut sein, aber die Umstände, die sind nicht so. Diese privaten Vorsätze sind oft nur kleine Fluchten. Was nützt es, wenn einer weniger raucht, aber die Welt um ihn herum in Flammen steht. Wir sollten uns lieber vornehmen, die Bedingungen zu prüfen, unter denen wir leben. Wer sich vornimmt, im neuen Jahr nur an seinem eigenen Glück zu feilen, der hat das Prinzip der Solidarität noch nicht verstanden.
Neue Augsburger Rundschau: Herr Brecht, lassen Sie uns konkreter werden. Was sagen Sie zu den Themen, die die Menschen heute wie damals umtreiben? Beginnen wir mit dem Krieg.
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| Kurt Idrizovic in der Buchhandlung am Obstmarkt. Er veranstaltet Führungen und Veranstaltungen zu Bert Brecht in Augsburg. |
Brecht: Der Krieg ist kein Naturereignis. Er fällt nicht wie Regen vom Himmel. Er wird gemacht. Wenn die Oberen vom Frieden reden, wissen die Unteren, dass es Krieg gibt. Man führt ihn für Märkte und für Rohstoffe, aber man verkauft ihn den Leuten als Ehre oder Verteidigung. Das neue Jahr wird nur dann friedlich, wenn diejenigen, die die Gewehre halten, begreifen, in wessen Interesse sie schießen.
Neue Augsburger Rundschau: Und wie steht es um die Zukunft?
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| Bert-Brecht-Tasse im Augsburger Brecht-Shop. |
Brecht: Die Zukunft ist kein Ort, an dem wir ankommen. Sie ist etwas, das wir produzieren. Viele fürchten sich vor der Zukunft, als wäre sie ein Gespenst. Dabei ist sie nur die Summe unserer heutigen Versäumnisse oder Taten. Wer die Gegenwart nicht ändern will, der sollte von der Zukunft schweigen.
Neue Augsburger Rundschau: Ein hoffnungsvollerer Blick. Was sagen Sie zu den Kindern.
Brecht: Die Kinder sind unsere strengsten Richter. Wir hinterlassen ihnen eine Welt, die oft aussieht wie ein geplünderter Laden. In ihren Augen liest man die Frage, warum wir es nicht besser gemacht haben. Wir sollten ihnen nicht nur Märchen erzählen, sondern ihnen beibringen, wie man die Welt durchschaut. Das ist das wichtigste Werkzeug, das wir ihnen mitgeben können.
Neue Augsburger Rundschau: Kommen wir zu zwei großen Begriffen: Gerechtigkeit und Freiheit.
Brecht: Gerechtigkeit ist das Brot des Volkes. Es muss täglich neu gebacken werden, damit es nicht hart wird. Und die Freiheit. Man muss immer fragen, wessen Freiheit gemeint ist. Die Freiheit des Besitzenden ist oft die Unfreiheit des Habenichtse. Wahre Freiheit gibt es nur dort, wo niemand mehr Angst haben muss, am nächsten Ersten seine Miete nicht zahlen zu können. Ohne volle Schüsseln ist die Freiheit ein sehr mageres Skelett.
Neue Augsburger Rundschau: Das führt uns direkt zum Geld. In Ihrer Geburtsstadt Augsburg ist ein Name damit untrennbar verbunden: Jakob Fugger, der Reiche. Was denken Sie über ihn?
Brecht: Der alte Jakob Fugger war ein Meister darin, mit der gewaltigen Ausbeutung von Rohstoffen und den Menschen seine Macht zu spinnen. Er hat gezeigt, wie man Könige und Päpste in die Tasche steckt. In Augsburg sieht man seinen Einfluss noch heute an jeder Ecke. Er war der Prototyp des modernen Kapitalisten. Er baute zwar Häuser für die Armen, aber er sicherte damit vor allem die bestehende Ordnung ab und stellte sich damit in ein gutes Licht. Man sollte ihn nicht bewundern, sondern studieren. Er hat bewiesen, dass Geld keine Moral kennt, sondern nur die Logik der Vermehrung. Wenn wir über Gerechtigkeit reden, müssen wir auch über die Fugger dieser Welt reden, die das Geld dort konzentrieren, wo es dem Gemeinwohl entzogen wird.
Neue Augsburger Rundschau: Sie klingen skeptisch. Gibt es denn gar keinen Grund zur Hoffnung für das kommende Jahr.
Brecht: Hoffnung ist ein strapaziertes Wort. Ich bevorzuge die Vernunft. Die Hoffnung ist oft nur eine Vertagung der Arbeit auf morgen. Wenn die Menschen anfangen, die Fragen richtig zu stellen, dann ist das ein Grund zur Zuversicht. Wir müssen fragen, wem das neue Jahr nützt. Werden die Mieten in Augsburg sinken. Werden die Kriege verstummen. Hoffnung ohne Handeln ist wie ein Theaterstück ohne Schauspieler.
Neue Augsburger Rundschau: Wenn Sie den Bürgern Ihrer Heimatstadt Augsburg einen Rat für die nächsten zwölf Monate geben könnten, wie würde dieser lauten.
Brecht: Sie sollen nicht so viel auf die Autoritäten starren. Sie sollen ihre eigenen Augen benutzen. Augsburg hat viel erlebt. Die Steine der Stadt könnten viel erzählen von Aufstieg und Fall. Mein Rat ist einfach. Seid misstrauisch gegenüber den einfachen Versprechen. Prüft die Rechnungen, die man euch vorlegt. Und vor allem, verliert nicht die Freude am Widerspruch. Nur wer widerspricht, verändert die Welt.
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| Die Weberei im tim stellt Bert-Brecht-Tücher her. |
Wir blicken von der Terrasse des Cafés EspressUno im Modekaufhaus Wöhrl auf die Dächer von Augsburg.
Neue Augsburger Rundschau: Herr Brecht, Sie sind hier in Augsburg geboren und aufgewachsen. Wenn Sie heute durch diese Gassen gehen, was empfinden Sie für Ihre Heimatstadt.
Brecht: Heimat ist ein Wort, das oft zu schwer im Magen liegt. Augsburg, das war für mich der Anfang. Ich erinnere mich an das Wasser der Lechkanäle, an die Kastanienallee am Stadtgraben und natürlich an den Plärrer. Als junger Mann bin ich dort über den Festplatz gestreunt, habe die Schiffschaukeln geliebt und die Menschen beobachtet. Diese Stadt hat mir den ersten Stoff geliefert. Aber es war keine einfache Liebe.
Neue Augsburger Rundschau: Man sagt oft, Sie hätten ein gespaltenes Verhältnis zu Augsburg gehabt. Ein berühmter Spruch, der Ihnen oft zugeschrieben wird, besagt, das Beste an Augsburg sei der Schnellzug nach München.
Brecht: (lacht) Ach, dieser D-Zug-Spruch. Er wird mir ständig angehängt, dabei ist er wohl eher eine Erfindung derer, die mich als Nestbeschmutzer sehen wollten. Aber ein Körnchen Wahrheit steckt in der Stimmung dahinter. Augsburg war mir oft zu eng, zu satt, zu bürgerlich. Es ist eine Stadt, die sich gerne auf ihren Traditionen ausruht. Die Augsburger sind gemütlich, aber diese Gemütlichkeit kann auch ersticken. Ich musste weg, um die Welt zu sehen und um zu verstehen, dass die Enge dieser Stadt nur ein Spiegelbild der Verhältnisse war.
Neue Augsburger Rundschau: Sie haben Augsburg aber auch literarisch ein Denkmal gesetzt, zum Beispiel in der Erzählung „Der Augsburger Kreidekreis“.
Brecht: Ja, weil die Geschichten hier auf der Straße liegen. In dieser Erzählung habe ich das Geschehen in den Dreißigjährigen Krieg verlegt, aber die Kulisse blieb meine Heimat. Die Stadt hat ein langes Gedächtnis. Ich habe die Barfüßerkirche vor Augen, in der ich konfirmiert wurde. Diese Orte prägen einen, ob man will oder nicht. Ich habe Augsburg nie ganz abgelegt, ich habe es nur mit anderen Augen gesehen, als ich erst einmal draußen war.
Interviewer: Heute feiert die Stadt Sie als ihren „berühmtesten Sohn“. Es gibt ein Brechtfestival, ein Museum in Ihrem Geburtshaus. Wie gefällt Ihnen diese späte Versöhnung.
Brecht: Es amüsiert mich. Jahrzehntelang war ich der „unbequeme Kommunist“, den man am liebsten vergessen hätte. Jetzt bin ich ein Marketing-Format. Das ist die Ironie der Geschichte. Aber wenn es dazu führt, dass die Menschen meine Texte lesen und anfangen, über ihre eigene Stadt und die Welt nachzudenken, dann soll es mir recht sein. Solange sie mich nicht auf ein Denkmal heben, um mich dort verstauben zu lassen. Ein Dichter sollte kein Standbild sein, sondern ein Stachel im Fleisch.
Interviewer: Also bleibt Augsburg für Sie ...
Brecht: ... ein Ort der Kindheit, der Kanäle und der Widersprüche. Ich schaue mir die Stadt an und sehe das Schöne, aber ich sehe auch die alten Mauern, die im Kopf noch nicht eingerissen sind. Augsburg ist meine Wurzel, aber mein Baum musste woanders wachsen, um Licht zu bekommen.
Neue Augsburger Rundschau: Ein letztes Wort, lieber Bert Brecht, zum Thema Feiern. Wie begeht ein Skeptiker wie Sie den Silvesterabend?
Brecht: Mit einem guten Glas Wein und guten Gesprächen. Vielleicht auch mit etwas Musik. Man darf die Feste nicht den Metzgern überlassen. Aber am nächsten Morgen, wenn der Rausch verflogen ist, müssen wir wieder an die Arbeit. Die Wahrheit ist konkret. Das gilt auch im neuen Jahr.
| Der doppelte Brecht. (Illustration Daniela Kulot) |
Bertolt Brecht wurde am 10.2.1898 in Augsburg geboren. Er prägte als Dramatiker das epische Theater nachhaltig. Nach der Flucht vor den Nationalsozialisten lebte er im Exil. 1948 kehrte er zurück nach Berlin. Dort gründete er das Berliner Ensemble und starb 1956.
Wichtigste Theater-Werke von Bert Brecht
Hier sind einige seiner bekanntesten Gedichtsammlungen und Einzelgedichte:
Buckower Elegien
Fragen eines lesenden Arbeiters

Sahar Rahimi und Mark Schröppel: Sie leiten das Brecht-Festival in Augsburg vom
27. Februar bis zum 8. März 2026.




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