| "Bereite den Frieden vor, nicht den Krieg!" |
In einer Welt, in der wir uns oft schon über die richtige Parkposition von E-Scootern oder die Vorzüge von Hafermilch bis aufs Blut streiten, wirkt ein Blick zurück in das Jahr 1555 fast wie ein diplomatisches Wunder. Damals ging es in Augsburg nicht um Kleinigkeiten, sondern um das ganz große Ganze: den Glauben, die Macht und die Frage, wie man überlebt, ohne dem Nachbarn den Schädel einzuschlagen.
Der Augsburger Religionsfriede war weit mehr als nur ein verstaubtes Stück Pergament. Er war der Moment, in dem die Mächtigen einsahen, dass man Ideologien nicht einfach durch Krieg wegbekommen kann. Das berühmte Prinzip „Cuius regio, eius religio“ – wessen Land, dessen Religion – klingt heute zwar nach strengem Erziehungsstil, war damals aber ein echter Gamechanger. Zum ersten Mal wurde juristisch verbrieft, dass zwei verschiedene Konfessionen offiziell nebeneinander existieren dürfen. Es war das Ende der Träume von einer einheitlichen, monolithischen Gesellschaft und der Anfang einer mühsamen, aber notwendigen Koexistenz.
Vorbote der Freizügigkeit
Besonders spannend für uns heute: Der Friede etablierte das „Ius Emigrandi“, das Recht auszuwandern. Wenn einem der Glaube des Chefs nicht passte, durfte man gehen, ohne sein Hab und Gut zu verlieren. In Zeiten von Homeoffice und digitalem Nomadentum wirkt das fast wie ein früher Vorbote der Freizügigkeit. Augsburg bewies damals, dass man keinen theologischen Konsens braucht, um politisch Frieden zu schließen. Man einigte sich darauf, sich uneinig zu sein, eine Kunst, die in Zeiten von Filterblasen und Social-Media-Shitstorms dringender denn je scheint.
Die regionale Verankerung dieses Ereignisses macht Augsburg bis heute zur Friedensstadt. Es ist die Erkenntnis, dass Vielfalt anstrengend ist, aber das Ignorieren dieser Vielfalt ungleich blutiger endet. Der Religionsfriede war kein modernes Toleranz-Manifest, aber er war das Fundament, auf dem wir heute stehen, wenn wir über religiöse Freiheit diskutieren.
Friedliches Miteinander
Unser Kommentar: Am Ende zeigt uns die Geschichte von 1555 vor allem eines: Wenn sich Katholiken und Protestanten nach jahrzehntelangem Streit in Augsburg auf ein friedliches Miteinander einigen konnten, besteht vielleicht sogar noch Hoffnung, dass sich die heutige Gesellschaft irgendwann auf ein einheitliches Ladekabel für Smartphones einigt, ohne dass vorher ein Dreißigjähriger Krieg ausbricht.
AL
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