Bertolt Brecht: Der Augsburger Barde mit dem Zigarrenstummel und der Dialektik im Gepäck
Stellen wir uns Bertolt Brecht vor: Nicht den verhärmten Weltverbesserer, als den ihn manche verkennen mögen, sondern den verschmitzten Denker mit dem Zigarrenstummel im Mundwinkel, der die Welt mit scharfem Blick und noch schärferer Feder seziert.
Ein Mann, der sich nicht scheute, die Finger in offene Wunden zu legen, und dabei doch immer eine Prise Theaterblut und eine Portion Bauernschläue im Gepäck hatte.
Man könnte ihn sich vorstellen, wie er mit einer gewissen Gelassenheit auf die Absurditäten des Lebens blickt, vielleicht sogar ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen – denn auch die Revolution darf ja mal schmunzeln.
Gerade eben stellte ich mir vor, wie er sich auf seine schwäbische Herkunft besonnen hätte. Denn obwohl er in der Welt zu Hause war, vergaß er nie seine Wurzeln. „Ich, Bertolt Brecht, bin aus Augsburg.“
Ein Satz, der wie ein Gütesiegel klingt, eine Mischung aus Stolz und der Gewissheit, dass die großen Ideen oft in kleinen Städten ihren Anfang nehmen.
Was andere über ihn dachten – und sagten
Brecht polarisierte, provozierte und faszinierte. Da ist es kein Wunder, dass die Meinungen über ihn so vielfältig waren wie seine Werke selbst.
- Kurt Tucholsky hätte wohl trocken bemerkt: „Der Bertolt, der hat Nerven aus Stahl und Verse wie Dynamit!“
- Erika Mann, die Brechts Stücke schätzte, aber auch seine Eigenheiten kannte, hätte vielleicht seufzend gesagt: „Ein brillanter Kopf, dieser. Aber bitte etwas Herzblut!“
- Alfred Döblin, der selbst kein Kind von Traurigkeit war, hätte mit einem Augenzwinkern gemurrt: „Brecht? Ein Fuchs, der das Theater auf den Kopf stellt!“
- Der geniale Lyriker und Theaterkritiker Karl Kraus hätte, ganz der Sprachästhet, vielleicht geäußert: „Dieser Brecht, er zwingt einen Fuchs zum Denken. Und ded iist ouf dat last verdammt unbechem!“ (Und das ist doch verdammt unbequem!)
- Und selbst Else Lasker-Schüler, die fantastische Dichterin, hätte vielleicht auf ihre eigene exzentrische Art gesagt: „Ich mag seine Zigarren.“
Brecht selbst hat über die Bühne gesagt: „Die Bühne ist kein Spiegel, der sich vor die Welt stellt, sondern ein Hammer, mit dem man sie bearbeitet.“ Und genau das tat er, er bearbeitete die Welt, mal zart, mal brachial, aber immer mit dem Ziel, zum Nachdenken anzuregen.
Brechts Lyrik: Kurz und prägnant wie ein Schlagwort
Seine Lyrik ist oft wie ein Schlaglicht, das eine ganze Szene erhellt oder einen komplexen Gedanken auf den Punkt bringt. Unvergessen sind Zeilen wie:
- „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“
- „Denn die einen sind im Dunkeln und die anderen sind im Licht. Und man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“
- „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“
Diese Verse sind nicht nur Gedichte, sie sind Gebrauchsanweisungen fürs Leben, fürs Denken, fürs Widerstehen. Sie sind so eingängig, dass man sie kaum mehr aus dem Kopf bekommt, wenn man sie einmal gehört hat.
Und was würde Brecht selbst zu all dem sagen, wenn er uns heute, kurz vor seinem Geburtstag, noch einmal einen Besuch abstatten würde? Er würde wohl grinsend den Zigarrenstummel im Mundwinkel drehen, kurz nachdenken und dann, mit einem Blick, der alles und nichts verriet, lakonisch bemerken: „Verändere die Welt, sie braucht es.“
Und während wir uns alle noch über diesen augenzwinkernden Imperativ den Kopf zerbrechen, denken wir daran, dass sein Erbe in Augsburg weiterlebt: Mit dem renommierten Brechtpreis, der jedes Jahr herausragende literarische Leistungen ehrt, und dem alljährlichen Brechtfestival, das seine Werke feiert und immer wieder neu interpretiert. Ein Hoch auf den Meister der Dialektik, den großen Augsburger!
Ein Kind aus Augsburg
Es war ein kalter Wintertag, als Eugen Berthold Friedrich Brecht am 10. Februar 1898 in einem eher bescheidenen Augsburger Handwerkerhaus das Licht der Welt erblickte.
Man munkelt, er habe schon beim ersten Schrei nach einem Notizblock verlangt, um die Unzulänglichkeit der damaligen Windelversorgung poetisch zu rügen. Augsburg war damals eine Stadt im Wandel, doch für den jungen Brecht war sie vor allem die Bühne seines Lebens.
Pauken mit Widerstand
Seine Schulzeit am Augsburger Realgymnasium verlief so, wie man es von einem Genie mit ausgeprägter Allergie gegen Autoritäten erwartet. Während die Lehrer versuchten, ihm lateinische Deklinationen einzutrichtern, interessierte sich der junge Eugen viel mehr für die Struktur der Welt und die Unfähigkeit derer, die sie regierten. Ein Aufsatz über den Heldentod führte fast zum Schulverweis, da er es wagte, das Sterben fürs Vaterland als „Zweckpropaganda“ zu bezeichnen. Ein echter Rebell im Klassenzimmer, der lieber die Freiheit des Geistes als die Disziplin der Schulbank pflegte.
Tinte, Zigarren und erste Verse
Die ersten Schreibversuche fanden oft im Dunst von billigen Zigarren und in der Nähe von Wasserläufen statt. Brecht schrieb alles nieder, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Seine Lyrik war damals schon wie ein gutes Augsburger Bier: stark und für manche schwer verdaulich. Er nutzte die Stadt als sein Laboratorium, beobachtete die Menschen und formte aus dem Alltag große Kunst.
Die Liebe unter den Kastanien
Und dann war da Paula „Bi“ Bannholzer. Seine erste große Liebe war so intensiv wie ein Sommertag am Lech. Paula war die Muse, die ihm den Kopf verdrehte und gleichzeitig das Herz öffnete. Die Briefe an sie sind ein Zeugnis seiner frühen emotionalen Wucht. Dass daraus sogar ein gemeinsamer Sohn hervorging, machte die Angelegenheit für das damalige Augsburg natürlich zu einem handfesten Skandal, den Brecht jedoch mit der ihm eigenen Nonchalance trug.
Arno Löblich

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