Brechtige Aktivitäten in Augsburg: Vom Geburtstags-Ständchen vor dem Geburtshaus, über Brecht-Preis bis zur heißen Diskussion über das Leben in Städten!

Geburtstagsständchen vor dem Geburtshaus!

Vor dem Brecht-Haus gibt's als Geburtstags-Ständchen Songs von Karla Andrä mit Josef Holzhauser
und Koiner-Geschichten von Lutz Kliche, Knut Schaflinger und Kurt Idrizovic.

Am Dienstag, den 10. Februar 2026, wehte ein ganz besonderer Geist durch die Gassen der Bert-Brecht-Stadt Augsburg. Vor dem Geburtshaus des weltbekannten Lyrikers und Theatermachers Bert Brecht, im Augsburger Lechviertel an einem Lechkanal, versammelten sich die Menschen um 11.00 Uhr am Vormittag.


Es war schließlich der 128. Geburtstag des kreativen Sohnes von Augsburg, der in diesem Haus am 10. Februar 1898 auf die Welt kam und später von den Nazis aus Deutschland vertrieben wurde. Poetisches Motto dieses Geburtstags-Ständchen: „Wir leihen uns seine Worte und geben ihm unsere Stimme“ wurde ein literarischer Geburtstagsgruß dargeboten, der die Herzen der zahlreichen Brecht-Fans trotz der kühlen Februarluft erwärmte.

Sahar Ramini beim Lesen vor dem Brecht-Haus und im Hintergrund
Lutz Kliche und die Schülerinnen und Schüler vom Gymnasium St. Stephan.


Künstlerinnen und Künstler wie Karla Andrä, Josef Holzhauser, Lutz Kliche und Knut Schaflinger ehrten den Dichter mit einer feinen Auswahl an Texten und Liedern. Alle zusammen verstanden es wunderbar, den scharfen Blick von BB direkt in unsere heutige Gegenwart zu richten. Eine Gruppe engagierter Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums bei St. Stephan erhielt für ihre szeneische Lesung besonders viel Applaus.  Auch Sahar Rahini vom Brecht-Festival 2026 las Gedichte von Bert Brecht. Damit wies sie auf das kommende Augsburger Brecht-Festival hin, das vom 27. Februar bis zum 8. März dieses Jahr geht.

Gemeinsam mit Kurt Idrizovic und Knut Schaflinger, die dieses Ständchen für Brecht organisierten, wurde der Event vor dem Brecht-Haus zu einer herrlich künstlerischen Angelegenheit, die ganz ohne Eintrittsgelder und bürokratische Anmeldung auskam.

Dieser brechtige Vormittag bildete den gelungenen Auftakt für einen Tag im Zeichen der Dialektik


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Özdamar: Beobachterin der Welt und des eigenen Lebens

Augsburgs Oberbürgermeisterin Eva Weber und Kultur-Referent Jügen Enninger 
überreichen der Autorin Emine Sevgi Özdamar die Urkunde für 
den Augsburger Bert-Brecht-Preis 2026.
(Foto: Lina Mann)

​Was für ein Spektakel im Kleinen Goldenen Saal der Bert-Brecht-Stadt AugsburgEmine Sevgi Özdamar, die ich als Freundin begleiten durfte, wurde am Dienstag, den 10.02.2026, feierlich mit dem Brechtpreis der Stadt Augsburg geehrt. Dieser Tag war eine gute Idee, denn es ist der Geburtstag von Bert Brecht, der am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren wurde und espäter ein weltberühmter Lyriker und Theatermacher wurde.

Er hielt die Laudatio auf die Preisträgerin: Matthias Langhoff.

Da das Augsburger Rathaus gerade eine Frischekur erhält, mussten wir in den Kleinen Goldenen Saal ausweichen. Das passte aber hervorragend zur Preisträgerin, die das Große im Kleinen findet.
​Emine, die einst vor der Militärdiktatur nach Berlin floh, las mit ihrer unvergleichlichen Art aus ihren Werken. Ihr Laudator Matthias Langhoff, ein alter Weggefährte aus Berliner Ensemble-Tagen, schlug sogar vor, ihr Buch „Das Leben ist eine Karawanserei“ zur Pflichtlektüre an bayerischen Schulen zu machen. 

Özdamar beweist mit ihren Romanen einmal mehr, dass die deutsche Sprache eine wunderbare Heimat für Geschichten aus aller Welt sein kann. In ihrem Werk verschmelzen Hollywood und anatolische Erzählkunst zu einer ganz eigenen, humorvollen Sinfonie auf Deutsch.

Zwischen Orient und Leinwand-Idolen

Hinter der Ich Erzählerin im Roman "Das Leben ist eine Karawanserei" ist deutlich die Autorin selbst erkennbar. Jene junge Türkin, die mit wenig Geld und viel Neugier aufwächst und mit ihrer Familie auf der Suche nach einer besseren Zukunft aus einem kleinen anatolischen Dorf in die Großstadt zieht. Es ist ein faszinierendes Aufeinandertreffen zweier Welten. Auf der einen Seite stehen die tief verwurzelten bäuerlichen Traditionen, auf der anderen der westliche Lebensstil Istanbuls.

Özdamar findet dafür Bilder, die so deutlich abbilden wie eine Kameralinse:

„Die Menschen in Istanbul waren die entwickelten Fotos, die man gerne an die Wände hängt, und die Menschen in Anatolien waren die Negative, die man irgendwo im Staub liegen lässt und vergisst.“

Den musikalischen Rahmen formte das Duo Misuk: Die Sängerin Eva Gold und
der Gitarrist Girisha Fernando.

Die junge Frau im Roman liebt Hollywood-Filme mit Humphrey Bogart und lauscht abends gebannt den Märchen der geliebten Großmutter. Um bedeutungsschwere Identitätsbrüche geht es allerdings nicht. Özdamar beherrscht meisterhaft die Kunst, zwei gegensätzliche Welten miteinander zu verweben und eine ganz eigene Bildwelt zu erschaffen. Das Ergebnis ist archaisch und modern zugleich. Am Hafen bliesen die Schiffe die Leute wie Staubwolken aus. Ein wunderbares Bild für die Hektik und Geborgenheit zugleich.


Der Zug in die Sprache Brechts

Für Özdamar ist Literatur immer auch gelebtes Leben. Sprache ist kein bloßes Vehikel, sondern ein substantieller Teil ihrer Persönlichkeit. Irgendwann fing sie an, auf Deutsch zu schreiben. Ihre Muttersprache Türkisch hatte während der Militärdiktatur ihre Unschuld verloren. „Die Worte waren krank geworden“, sagte sie einmal.

Die deutsche Sprache, die Sprache Brechts, wurde ihre Rettung. Die 18 Jährige, die am Ende des Romans nach Deutschland aufbricht, wird irgendwann ihren Traum leben. Sie begann als Regieassistentin an der Berliner Volksbühne und wurde nach einem Leben als Geschichtenerzählerin, Schauspielerin und Theaterregisseurin schließlich Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Ihr Roman „Das Leben ist eine Karawanserei“ hat es sogar auf die Liste der 1001 Bücher geschafft, die man unbedingt gelesen haben sollte. Ein würdiger Triumph für die Preisträgerin in der Bert-Brecht-Stadt Augsburg.

Eine Zuhörerin meinte nach der Veranstaltung: "Das würde den Wortschatz der Jugend sicher mehr beleben als der alte Faust." Oberbürgermeisterin Eva Weber überreichte an Özdemar mit Kultureferent Jürgen Enninger die Urkunde mit vollem Amtskettenglanz. Özdemar durfte sich zudem im Goldenen Buch der Stadt Augsburg verewigen. Ein feiner Abend voller Kunst und kluger Beobachtungen, der ganz ohne das übliche Pathos auskam.


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Menschliche Grausamkeit

Gesprächsrunde im Bayernkolleg (v.l.n.r.): Günter Berg, Claudia Roth,
Peter Müller und Roman Deininger. 
(Foto: Lina Mann)

Brecht am Augsburger Bayern-Kolleg. Es diskutierten zum Thema : „Die Städte sind für dich gebaut“, die Politikerin Claudia Roth, Peter Müller (AZ) und Roman Deininger (SZ).


Diese brechtige Veranstaltung beleuchtete Brechts Sicht auf das Stadtleben, Medien und Politik. Sozusagen Brecht im Gespräch mit den Personen auf der Bühne des Bayern-Kollegs über moderne Lebensbedingungen und urbane Herausforderungen.

Bertolt Brechts Drama "Im Dickicht der Städte", das 1923 in München uraufgeführt wurde, gehört zu seinen rätselhaftesten und zugleich faszinierendsten Frühwerken. In Augsburg einst entstanden, das damals immer stärker industrialisiert wurde, markiert es den Übergang vom expressionistischen Rausch seiner ersten Stücke hin zu einer kühleren, fast klinischen Beobachtung menschlicher Grausamkeit. Es ist ein Stück über einen Kampf, der keine Ursache hat, keine Moral kennt und letztlich keinen Sieger hervorbringt.
Ulrike Schrimpf liest Brecht.
(Foto: Lina Mann)


Erste Resonanzen zur Veranstaltung im Bayern-Kolleg

Besonders hervorgehoben wird von den Besuchern im vollen Veranstaltungs-Saal des Bayern-Kollegs die gelungene Mischung aus politischer Analyse und literarischer Tiefe. 

Publikum & Atmosphäre: Der Saal im Bayernkolleg war laut ersten Berichten bis auf den letzten Platz gefüllt, was zeigt, dass Brechts Thesen zur Urbanität auch 2026 noch einen Nerv treffen.
Diskussionskultur: Die Gespräch-Runde wurde für ihre Lebendigkeit gelobt. Vor allem der Kontrast zwischen der bundespolitischen Perspektive und dem lokalen Augsburger Blickwinkel auf „lebenswerte Städte“ kam gut an.

Musikalische Untermalung: Die jazzigen Klänge von Stefan Holstein und Uli Fiedler verliehen dem Abend eine intellektuelle, aber dennoch lockere Note, die perfekt zum „künstlerischen Geist“ der Veranstaltung passte.

Der „brechtige“ Geist am Bayernkolleg. Das Bayernkolleg selbst wird in den sozialen Netzwerken bereits als wichtiger kultureller Ankerpunkt für den Zweiten Bildungsweg in Augsburg gefeiert, der es schafft, Brecht aus den staubigen Archiven direkt in die aktuelle Stadtpolitik zu holen.
Kleiner Fakt am Rande: Es gab wohl sogar ein humorvolles Ständchen zum Geburtstag des Meisters, bei dem der Beatles-Klassiker „Hey Jude“ kurzerhand in „Hey Bert“ umgedichtet wurde.

Dave Holstein und Uli Fiedler machen Musik.
(Foto: Lina Mann)


Es las vor aus Brecht-Texten: die Autorin Ulrike Schrimpf.
Moderation: Günter Berg (Brecht-und Literatur-Experte)
Musik: Stefan Holstein (Klarinette/Saxophon) und Uli Fiedler (Kontrabass).
Organisation: Bayern-Kolleg und Kurt Idrizovic
Büchertisch: Buchhandlung am Obstmarkt

Fotos: Lina Mann


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