Endlich: Erster Augsburger Stadtrat wird 1919 gewählt! Wie ging das damals?

AUGSBURG FRÜHER
1919: Augsburgs erster Stadtrats-Zirkus! Endlich dürfen auch Frauen wählen!

Ab 1919 wurden die Frauen in Augsburg als (fast schon) vollwertige Mitglieder
der Gesellschaft akzeptiert.



Stellt euch vor, der deutsche Kaiser hat abgedankt. Der Bartwichs wird knapp und plötzlich darf in Augsburg tatsächlich jeder mal sein Kreuzchen machen. Nach dem ganzen Chaos vom Ersten Weltkrieg und der Revolution 1918/1919 war Schluss mit dem alten "Ich bin der König, ich sag, wo es langgeht" Getue. Bayern wurde zum Freistaat und Augsburg musste sich von seinem verstaubten Zweikammersystem verabschieden. Das stammte noch aus der Zeit, als man mit der Postkutsche zum Kaffeeklatsch fuhr.

Früher hockten da in Augsburg zwei Bürgermeister und ein ganzer Haufen "rechtskundiger Räte" zusammen mit 36 "Gemeindebevollmächtigten" rum, die sich gegenseitig die Bälle zuspielten. Im Sommer 1919 hieß es dann aber: Vorhang auf für die echte kommunale Selbstverwaltung!

Frauenpower an der Urne: Die Wahl am 15. Juni 1919

Am Samstag, den 14. Februar 2026, blicken wir zurück auf den 15. Juni 1919. Damals gab es die große Premiere der ersten öffentlichen Stadtratswahl in Augsburg. Und haltet euch fest: Erstmals durften nicht nur die Herren der Schöpfung an die Urnen, sondern auch die Frauen! Wer 20 Jahre alt war und seit mindestens sechs Monaten in Augsburg wohnte, durfte mitmischen.

Von den über 84.000 Wahlberechtigten hatten satte 71 % Bock auf Demokratie. Der Hammer dabei: 54 % der abgegebenen Stimmen kamen von den Frauen. Die Damen hatten also richtig Lust auf Mitbestimmung und ließen sich nicht zweimal bitten. Es standen sogar elf Frauen auf den Wahllisten der vier großen Parteien:
  • MSPD (Mehrheitssozialdemokraten).

  • USPD (Unabhängige Sozialdemokraten).

  • DDP (Liberale).

  • BVP (Bayerische Volkspartei).

Am Ende schafften es immerhin vier Pionierinnen: Katharina Ehm, Marie Veit, Fanny Koch und Fanny Wittmann, in den nun 50-köpfigen Stadtrat.

Das Hickhack um den Oberbürgermeister

Das Problem war nur: Einen ersten Bürgermeister hatten sie nach der Wahl immer noch nicht direkt bestimmt. Die Suche nach dem passenden Stadtoberhaupt war ein ziemliches Hickhack zwischen Kaspar Deutschenbaur, Friedrich Ackermann, Ernst Niekisch und Oskar Weinmann, ohne dass einer sofort den Sack zugemacht hätte.

Also musste der frischgebackene Stadtrat am 28. Juni 1919 selbst ran. Er wählte Kaspar Deutschenbaur von der BVP zum Oberboss, während der Sozialdemokrat Friedrich Ackermann der Vize wurde. Damit war die demokratische Zeitenwende in Augsburg perfekt besiegelt, was wir heute als Geburtsstunde der modernen Augsburger Stadtpolitik feiern dürfen.


Augsburg war 1914 eine Garnisonsstadt: Junge Männer aus ganz Bayern wurden hier für 
den Ersten Weltkrieg ausgebildet. Unser Foto zeigt zwei junge Männer, die in flotter
Uniform in den Krieg zogen und darin jämmerlich irgendwo im Schützengraben umkamen. Nach vier Jahren endete dieser unsinnige Krieg und der Kaiser musste abdanken.



Was passierte 1919 sonst noch in der Welt?


Während man in Augsburg noch die Stimmen zählte, ging es draußen auch ordentlich rund:
Der Friedensvertrag von Versailles: Nur wenige Tage nach der ersten Stadtratssitzung, am 28. Juni 1919, wurde der Vertrag unterzeichnet, der den Ersten Weltkrieg formal beendete und die Weltkarte neu zeichnete.

Die Weimarer Verfassung: Im August 1919 trat die erste demokratische Verfassung für ganz Deutschland in Kraft, die das Reich offiziell zur Republik machte.
Gründung des Bauhauses: In Weimar eröffnete Walter Gropius das Staatliche Bauhaus und revolutionierte damit Design und Architektur für die nächsten 100 Jahre.

Alcock und Brown überqueren den Atlantik: Im Juni 1919 gelang den beiden Briten der erste Nonstop-Flug über den Atlantik, eine echte Sensation, lange bevor man für 19 Euro nach Malle fliegen konnte.
Einführung des Frauenwahlrechts: Nicht nur in Augsburg, sondern deutschlandweit durften Frauen im Januar 1919 zum ersten Mal bei der Wahl zur Nationalversammlung wählen.


(Info aus dem Stadtarchiv Augsburg, Foto aus dem Buch "Geschichten aus dem alten Oberhausen von Marianne Schuber)

P.S.: Bei der letzten Wahl zum Augsburger Stadtrat am 15. März 2020 lag die Wahlbeteiligung bei bescheidenen 45,3 %.!

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