| Augsburger Hotel-Turm von unten. |
Der Augsburger Hotelturm, heute offiziell als Dorint Hotel bekannt, steht seit über fünf Jahrzehnten als markantes Wahrzeichen in der Schwabenmetropole Augsburg. Seine Geschichte ist eine Chronik aus architektonischem Wagemut, finanziellen Debakeln und einem ständigen Wechsel der Verantwortlichkeiten.
Planung und kühne Visionen
Die Entstehung des Turms ist untrennbar mit dem Namen des Architekten Brockel und Müller sowie dem Investor Oswald Ziegelmaier verbunden. Investor-Verwirrung: Während Otto Schnitzenbaumer der Bauherr war, tauchte der Name Oswald Ziegelmaier in der Berichterstattung oft im Zusammenhang mit der operativen Planung oder als früher Partner auf, bevor Schnitzenbaumer die alleinige Führung übernahm.Ende der 1960er Jahre sollte Augsburg pünktlich zu den Olympischen Spielen 1972 in München als moderner Austragungsort der Kanuwettbewerbe glänzen. Ziegelmaier plante ein Hotel der Superlative. Mit einer Höhe von etwa 115 Metern und einer markanten zylindrischen Form, die an eine Maiskolben-Struktur erinnert, sollte es das höchste Gebäude Bayerns werden. Der erste Spatenstich erfolgte im Jahr 1971.
Der Kampf um den Wittelsbacher Park
Anfang der 1970er Jahre formierte sich allerdings massiver Protest gegen die Pläne des Investors. Die Kritiker sahen in dem Projekt eine brutale Verschandelung der historischen Parkanlage und einen Sündenfall der Stadtplanung. Besonders die Tatsache, dass für den Bau und die dazugehörige Infrastruktur wertvolle Grünflächen geopfert wurden, mobilisierte die Augsburger Bürgerschaft. Otto Schnitzenbaumer war der Bauherr und die treibende Kraft hinter der Realisierung des Turms. Auf historischen Fotos dieser Zeit sieht man ihn oft als den entschlossenen Unternehmer. Er wollte Augsburg pünktlich zur Olympiade 1972 ein modernes Gesicht geben. Die Zeitungsberichte aus dem Jahr 1971 loben oft sein Tempo. Er schaffte es, den Rohbau in Rekordzeit hochzuziehen. Doch schon bald wandelte sich der Ton in der Presse. Die wirtschaftliche Belastung des Projekts wurde immer offensichtlicher.
Die Kopie: Marina City vs. Hotelturm
Es gibt einige bemerkenswerte Parallelen und Unterschiede zwischen dem Original in den USA und dem Bau des Hotelturms in der Schwabenmetropole Augsburg:
Der "Maiskolben"-Look: Die charakteristischen halbkreisförmigen Balkone, die dem Gebäude in der Bert-Brecht-Stadt Augsburg den Spitznamen "Maiskolben" (corn cob) einbrachten, wurden direkt von den Chicagoer Türmen übernommen. Auch dort werden die Gebäude aufgrund ihrer Form so genannt.
Dimensionen: Während die Türme der Marina City stolze 179 Meter messen und 60 Stockwerke besitzen, wirkt der Augsburger Turm mit seinen rund 115 Metern (ohne Antenne) und 35 Etagen deutlich gedrungener.
Konzept: In Chicago beherbergen die unteren 19 Stockwerke der Türme ein spiralförmiges Parkhaus, während in Augsburg die unteren Etagen ausschließlich für den Hotelbetrieb (heute Dorint) genutzt werden. Die Idee der Mischnutzung aus Wohnen und Gewerbe in den oberen Etagen ist jedoch bei beiden Objekten identisch.
Architektonische Umsetzung in Augsburg
Die Augsburger Architekten Brockel und Müller passten das Design an die deutschen Gegebenheiten der frühen 70er Jahre an. Während Goldberg in Chicago auf eine organische, fast skulpturale Betonform setzte, wurde in Augsburg aus Zeitgründen – man wollte pünktlich zur Olympiade 1972 fertig werden – auf eine moderne Stahlbetonfertigteilbauweise gesetzt. Dies ermöglichte die rekordverdächtige Rohbauzeit von nur etwa zehn Monaten.
Interessanterweise wurde der Augsburger Turm Ende 2024 sogar unter Denkmalschutz gestellt, womit er nun als höchstes bewohntes Baudenkmal Bayerns gilt. Damit wird die einstige "Kopie" heute als eigenständiges, herausragendes Zeugnis der Nachkriegsmoderne gewürdigt.
Die politischen Macher
Wolfgang Pepper (SPD): Er war von 1964 bis 1972 Oberbürgermeister von Augsburg. In seine Amtszeit fielen die gesamte Planung, die Genehmigung und der Großteil der Bauphase des Turms. Er war die treibende politische Kraft, die das Projekt gegen alle Widerstände durchsetzte, um Augsburg pünktlich zu den Olympischen Spielen als moderne Metropole zu präsentieren.
Hans Breuer (SPD): Er übernahm das Amt im Jahr 1972 und amtierte bis 1990. Breuer durfte den Turm im Juli 1972 feierlich eröffnen. Er musste jedoch auch schon bald die ersten Krisensitzungen leiten, als das Projekt durch die Probleme von Bauherr Otto Schnitzenbaumer und später durch den Investor Hans Glöggler in Schieflage geriet.
Eröffnung und der frühe Fall
Am 2. Juli 1972 wurde der Turm unter dem Namen "Holiday Inn" feierlich eröffnet. Doch der Glanz währte nur kurz. Bereits im Jahr 1974 meldete die Betreibergesellschaft Konkurs an. Die Baukosten waren explodiert und die Auslastung nach den Olympischen Spielen blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Dies markierte den Beginn einer jahrzehntelangen Odyssee durch verschiedene Hände.
Der Fall Hans Glöggler: Das Ende eines Imperiums
Einer der spektakulärsten Einbrüche in der frühen Geschichte des Turms ist mit dem Textilunternehmer Hans Glöggler verbunden. In den 1970er Jahren galt Glöggler als einer der bedeutendsten Industriellen Deutschlands, doch sein rasanter Expansionskurs führte ihn in den Ruin.
Nachdem der ursprüngliche Erbauer Oswald Ziegelmaier bereits kurz nach der Eröffnung 1972 in finanzielle Bedrängnis geraten war, rückte das Schicksal des Turms eng an das Glöggler-Imperium. Als die Glöggler-Gruppe im Jahr 1976 spektakulär zusammenbrach, zog dies weite Kreise in der Wirtschaft der Schwabenmetropole Augsburg. Der Hotelturm wurde zum Symbol für die Überreizung des Marktes. Die Pleite sorgte dafür, dass das Gebäude jahrelang als Spekulationsobjekt galt und die notwendigen Investitionen in die Bausubstanz ausblieben.
| Hotel-Turm, 1972, kurz nach seiner Einweihung. |
Die Helaba als unfreiwillige Akteurin im Glöggler-Drama
Als das Firmenreich von Hans Glöggler Mitte der 1970er Jahre zusammenbrach, saß die Helaba auf massiven Forderungen. Die Bank war einer der größten Geldgeber für die ehrgeizigen Projekte in der Schwabenmetropole Augsburg. Durch die Pleite im Jahr 1976 fielen der Bank die Sicherheiten in Form von Immobilienanteilen am Hotelturm quasi in den Schoß.
Was als Investition geplant war, wurde für die Helaba zu einer jahrzehntelangen Belastung. Die Bank wurde zur unfreiwilligen Verwalterin einer Immobilie, die zu diesem Zeitpunkt rote Zahlen schrieb und einen enormen Sanierungsstau aufwies. Kritiker warfen der Bank damals vor, den Turm lediglich als Abschreibungsobjekt zu behandeln und notwendige Modernisierungen zu verschleppen, was den Ruf des Gebäudes als „Schandfleck“ weiter festigte.
Der Ausstieg und die Ära Schnitzenbaumer
Die Helaba suchte über Jahre hinweg händeringend nach einem Käufer, um das verlustreiche Engagement in der Bert-Brecht-Stadt Augsburg zu beenden. Es war schließlich die Bank, die den Weg für Georg Schnitzenbaumer ebnete. Um das finanzielle Desaster zu beenden, verkaufte die Helaba ihre Anteile um das Jahr 2000 an die Investorengruppe rund um Schnitzenbaumer.
Dieser Verkauf war der Startschuss für die heutige Teilung des Turms:
Die Bank wollte ihre Risiken minimieren und stieß das Objekt ab.
Schnitzenbaumer nutzte die Gelegenheit, um das Konzept der kleinteiligen Privatisierung der Appartements umzusetzen.

Umstrittene Bauruine vor dem Hotel-Turm. Damit endete zwar die direkte Verantwortung der Helaba, doch die Folgen der jahrelangen Vernachlässigung während der Bankenverwaltung mussten von den neuen Eigentümern teuer bezahlt werden.
Kritische Betrachtung
In der Rückschau wird die Rolle der Helaba oft negativ bewertet. Während die Bank versuchte, ihre Verluste aus der Glöggler-Pleite zu begrenzen, litt die Bausubstanz des Turms massiv. Die Zeit unter der Ägide der Bank war geprägt von Rechtsstreitigkeiten und einem Imageverlust, der erst durch den späteren Einzug seriöser Mieter wie Klassik Radio und die Übernahme durch die Dorint-Gruppe mühsam korrigiert werden konnte.
Ohne den massiven Druck der Helaba, das Objekt endlich loszuwerden, wäre die radikale Aufteilung in hunderte Einzelappartements vermutlich nie in diesem Ausmaß erfolgt – ein Konstrukt, das die Verwaltung des Turms bis heute vor immense Herausforderungen stellt.
Schnitzenbaumer: Die Ära der Privatisierung
Ein weiterer entscheidender Name ist Georg Schnitzenbaumer. Unter seiner Ägide wurde zu Beginn der 2000er Jahre das heutige Konzept der Mischnutzung zementiert. Er kaufte den Turm in einer Phase tiefer Krisen und trieb die Aufteilung des Gebäudes voran.
![]() |
| Blick über den See im Park zum Hotel-Turm. |
Während die unteren Etagen weiterhin für den Hotelbetrieb (später Dorint) vorgesehen waren, wurden die oberen Stockwerke in rund 300 Appartements umgewandelt und einzeln an private Investoren und Eigennutzer verkauft. Diese Strategie war zwar finanziell lukrativ, schuf aber das bis heute bestehende Problem einer extrem zersplitterten Eigentümergemeinschaft. Entscheidungen über Brandschutzmaßnahmen oder energetische Sanierungen, die das gesamte Gebäude betreffen, wurden dadurch massiv erschwert, da hunderte von Parteien zustimmen müssen.
Ein Karussell der Besitzer und Probleme
In den folgenden Jahrzehnten wechselten die Eigentümer und Betreiber in rascher Folge. Nach dem Aus von Holiday Inn übernahm die Kette InterContinental, gefolgt von der Gruppe Maritim. Ende der 1980er Jahre erwarb der Investor Dr. Alois Rhiel das Gebäude. Doch auch unter seiner Ägide kam der Turm nicht zur Ruhe. Sanierungsstaus und Brandschutzmängel wurden zu dauerhaften Begleitern.
Besonders kritisch wurde die Lage um das Jahr 2000. Der Turm war sanierungsbedürftig und die Fassade bröckelte. Im Jahr 2002 übernahm die Dorint-Gruppe den Hotelbetrieb, während die oberen Etagen in Eigentumswohnungen umgewandelt wurden. Die Teilung in eine Eigentümergemeinschaft mit Hunderten von Parteien machte Entscheidungen über notwendige Großinvestitionen extrem kompliziert.
Sanierung und die Rolle der Stadt
Lange Zeit galt der Turm als "Schandfleck" oder "Investorenruine". Erst eine umfassende Fassadensanierung zwischen 2000 und 2001, die Millionen verschlang, rettete das äußere Erscheinungsbild. Ein prominenter Name in der jüngeren Geschichte ist der Investor Helmut Müller, der sich massiv für die Revitalisierung einsetzte. Dennoch blieb die Infrastruktur, insbesondere die Aufzugsanlagen und die Energieversorgung, ein ständiger Kostenfaktor.
| Werbung für Kongresshalle und Hotel-Turm. |
Gastronomie zwischen Luxus und Leerstand
In den glanzvollen Anfangsjahren der 1970er Jahre war das Restaurant im obersten Stockwerk, dem 35. Obergeschoss, das Aushängeschild des Turms. Unter dem Namen "Top of the Town" bot es einen Panoramablick über die gesamte Bert-Brecht-Stadt Augsburg bis hin zu den Alpen. Es galt als die exklusivste Adresse der Stadt. Doch mit den wechselnden Besitzern und den finanziellen Turbulenzen, unter anderem durch den gescheiterten Investor Hans Glöggler, geriet auch die Gastronomie in eine Abwärtsspirale. Pächterwechsel waren an der Tagesordnung. Lange Zeit stand die markante Kanzel an der Spitze leer, was das Image als „Investorenruine“ weiter befeuerte. Laut den Augsburger Gastro-News gab es immer wieder Versuche, dort oben eine dauerhafte Erlebnisgastronomie zu etablieren, was jedoch oft an den immensen Betriebskosten und Brandschutzauflagen scheiterte.
Klassik Radio: Ein Hauch von Glamour
Ein bedeutender Wendepunkt für die Wahrnehmung des Turms war der Einzug von Klassik Radio. Der bundesweite Sender verlegte seinen Hauptsitz in den Hotelturm und sendete von dort aus über viele Jahre. Dies verlieh dem Gebäude eine neue, seriöse Strahlkraft und machte es zu einem Medienstandort. Die Verbindung zwischen der markanten Architektur und der gehobenen Kultur des Senders passte oberflächlich gut zusammen. Doch auch diese Ära endete schließlich, als Klassik Radio seinen Sitz in das Stadtmetzg-Gebäude in der Augsburger Altstadt verlegte.
Das "Rotlicht"-Image: Mythos und Realität
Besonders in den 1980er und 1990er Jahren haftete dem Hotelturm ein zweifelhafter Ruf an. Durch die Aufteilung in hunderte kleine Appartements, die unter anderem durch den Investor Georg Schnitzenbaumer vorangetrieben wurde, verloren die Verwalter zeitweise den Überblick über die Mieterstruktur. Es gab immer wieder Berichte und Polizeieinsätze wegen illegaler Prostitution in den oberen Stockwerken. Der Turm wurde in Volksmund und Boulevardpresse teils als „höchstes Bordell Bayerns“ tituliert. Diese Phase des moralischen und baulichen Verfalls prägte das kritische Bild des Turms bei vielen Bürgern nachhaltig. Erst die verstärkte Kontrolle durch die Hausverwaltung und die spätere Sanierung konnten dieses Milieu weitgehend verdrängen.
![]() |
| Ewiger Problemfall: Der Augsburger "Maiskolben". |
Kritische Bilanz
Der Hotelturm ist ein Mahnmal für die Schwierigkeiten bei der Verwaltung von Mischnutzungs-Immobilien. Das Nebeneinander von Hotelbetrieb und privatem Wohnraum führt bis heute zu Reibungspunkten. Kritiker bemängeln zudem die städtebauliche Dominanz, die den Blick auf die historische Altstadt der Bert-Brecht-Stadt Augsburg verstellt. Dennoch bleibt er ein unverzichtbarer Teil der Skyline, der die wirtschaftlichen Höhen und Tiefen der Schwabenmetropole Augsburg widerspiegelt.
Bericht und Fotos: Roland Hübbe


Kommentare
Kommentar veröffentlichen