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| Sind alle da? (Foto: Jan-Pieter Fuhr) |
Haifischzähne im martini-Park: Mackie ist zurück in Augsburg!
(Unsere Blitz-Kritik zur Premiere der Dreigroschenoper im Staatstheater Augsburg)
Gestern knallte es im martini-Park, als das Staatstheater Augsburg die „Dreigroschenoper“ von Bert Brecht und Kurt Weill pünktlich zum Start des Brecht-Festivals 2026 von der Leine ließ. Schließlich ging es um menschliche Hyänen auf der Bühne. Sapir Heller hat das Ganze inszeniert und was soll ich mit dem Datschiburger Bert Brecht zur menschlichen Existenz sagen? Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral? Da jage ich gleich eine Frage hinterher: Und wann kommt das Theater?
Die Darsteller tauchen durch den Vorhang auf der Bühne im runden Scheinwerferlicht auf, wie Figuren, Avatare, in einem Computer-Spiel, bei dem der Spieler sich eine davon aussuchen kann. Dann beginnt das Spektakel mit Lärm, Blitzen und höllisch lauten Pistolenschüssen. Zwei Gags kommen beim Publikum besonders gut an. Einmal ist Mackie zu blöd um sein Gefängnisschloss zu lösen, da muss die Frau helfen. Das gibt hämische Frauenlacher aus den Sitzreihen. Opulent wird's, wenn Mackie als Fisch frisch auf dem Tisch zum Anbeißen liegt. Da sind entzückte Seufzer aus Frauenkehlen zu hören. Ja, auch männliche Nixen mit großem silberglänzendem Schwanz können sexy sein, gell.
Sapir Heller hat diese "Dreigroschenoper" optimal maßgeschneidert für das Augsburger Publikum. Nicht zu böse, nicht provozierend, nicht schockierend, nicht zu schmutzig, nicht pervers, nicht anarchistisch, nicht zu kritisch. Ich bin mir hundertpro sicher, die Augsbürger Theater-Fans werden diese "Dreigroschenoper" lieben. Der anhaltende Applaus bei der Premiere für das Team auf der Bühne hats schon bewiesen.
Die Philharmoniker im Graben und die Band auf der Bühne liefern dazu den passenden Sound, der uns zeigt: Augsburg ist eben doch eine wahre Brecht-Stadt. Wer diese „kraftvolle Inszenierung für alle Sinne“ (Brechtfestival.de) verpasst, ist selber schuld. Erst recht, wenn die „Bösen immer davonkommen“ (Nachtkritik). Ein echter Kracher zum Festivalstart!
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| Mackie droht mit dem Messer. |
Mackie Messer und das Londoner Chaos
Wer braucht schon Netflix, wenn die Bühne des Staatstheaters Augsburg solche Dramen liefert? In London geht es drunter und drüber, und wir sind live dabei, wie Jonathan Peachum sein Business "Bettlers Freund" aufzieht. Das Prinzip ist denkbar einfach. Er organisiert das Elend und kassiert dafür die Hälfte der Kohle ab. Ein echtes Vorbild in Sachen Gewinnmaximierung.
Liebe, Verrat und ein Pferdestall
Der Schock: Peachum erfährt von seiner Frau Celia, dass Tochter Polly mit Mackie Messer anbandelt. Das ist nicht irgendein Typ, sondern der Gangster-Boss der Stadt. Die Feier: Geheiratet wird ganz romantisch im Pferdestall. Sogar Polizeichef Tiger-Brown schaut vorbei. Man kennt sich schließlich noch aus der Armee. Der Plan: Die Peachums finden die Schwiegersohn-Wahl eher mittelprächtig und wollen Mackie lieber hinter Gittern sehen.Frauenpower und Fehlentscheidungen
Polly versucht zwar noch, ihren Mackie zu warnen, aber der Kerl hat nichts Besseres zu tun, als im Bordell abzutauchen. Das rächt sich sofort. Seine Ex-Geliebte Jenny hat nämlich keine Lust auf Nostalgie und verrät ihn prompt an die Cops. Im Knast wird es dann richtig gemütlich, als Pollys Rivalin Lucy, die Tochter vom Polizeichef, auftaucht. Zickenkrieg im Kerker inklusive.
Das bittere Ende (oder auch nicht)
Peachum mobilisiert im dritten Akt seine Bettler-Armee, um die Krönung der Königin mit einer ordentlichen Portion Elend zu crashen. Er setzt Brown so unter Druck, dass Mackie erneut einkassiert wird. Das Urteil steht fest: Der Strick wartet schon. Ob Jenny am Ende wirklich auf ihr Schiff wartet, bleibt wohl das Geheimnis der Bühne in Augsburg.
Die Mitwirkenden
Thomas Prazak liefert als der Obergauner Mackie Messer eine wahnsinnige Performance ab, die so scharf ist wie die namensgebende Klinge. Er verkörpert den charmanten Schurken mit einer derartigen Eleganz, dass man fast vergessen möchte, was für ein Gauner er eigentlich ist. Gekleidet im Purpur-Dress und langen blonden Haaren wie David Bowie. Prazak dominiert die Szenerie im martini-Park mit einer Präsenz, die den Atem raubt. Er schafft den Spagat zwischen eiskaltem Anführer und unwiderstehlichem Herzensbrecher mühelos, was diese Rolle zu einem absoluten Highlight der Augsburger Inszenierung macht. Ein Macheath, wie er im Buche steht.Natalie Hünig in der Rolle des Jonathan Peachum ist eine geniale Besetzungswahl, die der Figur eine völlig neue, faszinierende Dynamik verleiht. Sie spielt den Kopf der Firma "Bettlers Freund" mit einer messerscharfen Präzision und einer kühlen Berechnung, die das Augsburger Publikum sofort in ihren Bann zieht. Hünig zeigt uns einen Peachum, der nicht nur ein Geschäftsmann des Elends ist, sondern ein wahrer Stratege der Macht. Ihre Darstellung ist kraftvoll, originell und verleiht dem gesamten Stück ein besonderes Gewicht.
Patrick Rupar bricht als Celia Peachum alle Erwartungen und liefert eine darstellerische Glanzleistung ab, die sowohl humorvoll als auch tiefgründig ist. Die Entscheidung, diese Rolle so zu besetzen, erweist sich als Glücksgriff für die Augsburger Bühne. Rupar spielt Mackies Gegenspielerin mit einer wunderbaren Mischung aus Strenge und subtiler Komik, ohne dabei jemals ins Lächerliche abzugleiten. Er verleiht Celia eine ganz eigene, starke Persönlichkeit, die im Zusammenspiel mit den anderen Charakteren für wunderbare Reibungspunkte sorgt.
Olivia Lourdes Osburg ist die perfekte Besetzung für Polly. Sie bringt eine Frische und Energie in die Brecht-Stadt, die man gesehen haben muss. Ihre Polly ist kein naives Mädchen, sondern eine junge Frau, die genau weiß, was sie will, auch wenn sie mit dem Gangsterkönig verheiratet ist. Osburg überzeugt durch eine enorme stimmliche und schauspielerische Bandbreite. Sie schafft es, die Wandlung von der verliebten Braut im Pferdestall zur toughen Frau, die ihren Mann steht, absolut glaubwürdig und mitreißend zu verkörpern.
Sebastian Müller-Stahl gibt dem Londoner Polizeichef eine wunderbare Vielschichtigkeit. Sein Tiger-Brown ist kein einfacher Gesetzeshüter, sondern ein Mann im ständigen Konflikt zwischen Dienstpflicht und alter Kameradschaft zu Mackie. Müller-Stahl spielt diese Zerrissenheit mit einer Ruhe und Souveränität, die beeindruckt. Besonders in den gemeinsamen Momenten mit Prazak sprühen die Funken der alten Zeiten, was der Inszenierung eine zusätzliche emotionale Ebene verleiht. Eine starke Leistung, die das moralische Dilemma der Figur perfekt einfängt.
Mirjana Milosavljević glänzt als Lucy Brown und bringt eine ordentliche Portion Temperament in den Kerker. Ihre Begegnung mit Polly ist eines der schauspielerischen Feuerwerke des Abends. Milosavljević spielt die Tochter des Polizeichefs mit einer leidenschaftlichen Entschlossenheit, die zeigt, dass sie ihrem Vater in nichts nachsteht. Sie verleiht der Rolle eine wunderbare Mischung aus Trotz und Verletzlichkeit. Ihr Spiel ist intensiv und sorgt dafür, dass die Figur der Lucy weit mehr ist als nur eine Nebenbuhlerin.
Samantha Ritzinger verleiht der Spelunken-Jenny eine melancholische Tiefe, die unter die Haut geht. Wenn sie von ihrem Schiff träumt, hält das Publikum im ausverkauften Theater den Atem an. Ritzinger spielt den Verrat an Mackie nicht als bloße Bosheit, sondern als Konsequenz einer harten Welt. Ihre Darstellung ist gezeichnet von einer würdevollen Resignation und gleichzeitig einer ungeheuren Bühnenpräsenz. Sie schafft es, die Ambivalenz der Jenny zwischen alter Liebe und bitterer Realität perfekt zu balancieren und hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Sie trägt das extremste Kostüm. Ein echter Hingucker!
Die Statisten: Ohne die Statisterie wäre London ziemlich leergefegt. Während Thomas Prazak als Mackie Messer den Charmeur spielt, schuften im Hintergrund die wahren Helden des martini-Parks Ob als zwielichtiger Bettler. finsterer Bandit oder käufliche Dame. Die Statisten des Staatstheaters Augsburg geben der Unterwelt erst das richtige Gesicht. Tom Dittrich, Miles Haidinger, oder Dominik Holland müssen nicht nur synchron gucken, sondern auch so tun, als wäre das Leben in den Slums reine Routine. Da wird im Hintergrund so hingebungsvoll geraunt und konspiriert, dass man fast vergessen könnte, wer eigentlich die Hauptrolle hat. Ein Hoch auf die Truppe, die dafür sorgt. dass Augsburgs Brecht-Bühne so herrlich verrucht bleibt.
Die Inszenierung: Sapir Heller nutzt die Metapher der Hyäne, um den unerbittlichen Überlebenskampf im Kapitalismus darzustellen, ganz im Sinne von Brechts gesellschaftskritischem Ansatz. Sie bricht mit bürgerlichen Klischees und zeigt eine Welt, in der Moral hinter dem Fressen rangiert. Durch ihre Herkunft und ihren frischen Blick gelingt es Heller, die zeitlosen Fragen nach Gerechtigkeit und Gier in Augsburg neu zu entfachen.
Kostüme: Das Outfit, entworfen von Slavna Martinovic ist ein genialer Mix aus Glam-Rock und Raubtier-Chic. Überall blitzen tierische Details wie behaarte Pfoten-Handschuhe und Fellbesatz auf, was die Hyänen-Metapher der Regie perfekt unterstreicht.
Das Bühnenbild: Anna van Leen setzt die tierische Raubtier-Metapher auf der Bühne konsequent und ziemlich schräg um. Statt Londoner Nebel gibt es eine apokalyptische Szenerie, die perfekt zum Überlebenskampf der Hyänen-Clans passt. Ein umgestürzter, weißer Lieferwagen mit der Aufschrift „IT’S FISHY KEEP COOL“ dient als zentrales Element. Er wird von den Darstellern erklettert und als Ausguck genutzt. Die Festtafel: Eine lange, weiß gedeckte Tafel bildet das Zentrum für groteske Szenen, auf der riesige Fische als Beute präsentiert werden. Erinnert unwillkürlich an Abendmahl-Motive. Für Mackies Inhaftierung kommt ein fahrbares Käfig-Element mit lila Gitterstäben zum Einsatz, das die Ausweglosigkeit in der grellen Ästhetik des Stücks betont. Ein riesiger Kristallleuchter schwebt über dem Geschehen und bildet einen harten Kontrast zum eher kargen, fast wüstenähnlichen Hintergrund. Das Bühnenbild unterstreicht die Gewalt und die Not in einem System, das von Verteilungskämpfen geprägt ist. Es ist laut, schrill und lässt keinen Platz für bürgerliche Gemütlichkeit.
Raubtierfütterung im martini-Park
In der Bert-Brecht-Stadt Augsburg hat sich Regisseurin Sapir Heller für die neue Inszenierung der Dreigroschenoper etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Statt biederen Bürgertums oder klassischem Untergrund gibt es eine ordentliche Portion "Tierisches" auf die Ohren und Augen. Die Charaktere werden nämlich als Hyänen angelegt, was in einer Welt, in der "Homo homini lupus est" – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf – gilt, eigentlich noch eine Schippe drauflegt.
Warum eigentlich die Hyäne?
Man könnte meinen, der Wolf wäre das logische Vorbild, aber die echte Hyäne passt viel besser zum Londoner Sumpf. Hier ein paar Fakten zu diesen charmanten Zeitgenossen, die perfekt zum Plot passen:Clan-Strukturen: Hyänen leben in räuberischen Rudeln, sogenannten Clans. Da passt das Business von Peachum oder Mackies Bande doch wie die Faust aufs Auge. Frauenpower der harten Sorte: Bei Hyänen haben die Weibchen das Sagen und sind die Anführerinnen. Passend dazu sind sie optisch kaum von den Männchen zu unterscheiden – Fun Fact inklusive: Die Weibchen besitzen sogar einen Pseudo-Penis. Das erklärt vielleicht, warum Natalie Hünig den Jonathan Peachum und Patrick Rupar die Celia gibt. Keine Feinschmecker: Hyänen fressen Aas und gelten nicht gerade als Sympathieträger. In einem System, das von Verteilungskämpfen im Kapitalismus geprägt ist, frisst eben jeder jeden, um das eigene Überleben zu sichern. Die Idee, die Figuren im unerbittlichen System des Kapitalismus als Hyänen darzustellen, verdeutlicht die Gewalt und die Not jedes Einzelnen noch einmal drastisch. Wer im Wohlstand lebt, lebt eben angenehm, während der Rest im Rudel um die Reste kämpft.
Bericht: Arno Loeb


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