Eine brechtige Geburtstagsfeier für viele Augsbürger: "Widersprüche aushalten und Fragen stellen!"

 

Gesprächsrunde im Augsburger Bayernkolleg:
(v.l.n.r.): Günter Berg, Claudia Roth, Peter Müller, Roman Deininger
und am Tisch nebenan Ulrike Schrimpf.

Feier mit Gesprächsrunde:
128. Geburtstag von Bertolt Brecht im Bayernkolleg

Gemeinsam mit dem Augsburger Bayernkolleg hatte die Augsburger Buchhandlung am Obstmarkt zu einer brechtigen Feier eingeladen: 128 Jahre Bert Brecht, geboren am 10.2.1898 in Augsburg. Diese war genau so, wie das Geburtstagskind selbst: wach, neugierig, gastfreundlich und erkenntnishungrig, begeistert hinterfragend. Das Kolleg wurde für einen Abend zur Geburtstagslokalität der Festgesellschaft aus der Bert-Brecht-Stadt und Umgebung.

Besonders an diesem Abend im großen Veranstaltungssaal des Bayernkollegs war die gute Verbundenheit der Gastgeber zu spüren. Kurt Idrizovic von der Buchhandlung am Obstmarkt und des dazugehörigen Brechtshops, ist selbst ein ehemaliger Schüler des Bayernkollegs. Dass er immer wieder als Kooperationspartner an seine alte Wirkungsstätte zurückkehrt, gab auch dieser Feier eine ganz persönliche, fast familiäre Note. Es war eine gelungene Verbindung aus Ehemaligen-Netzwerk und Kulturinteresse.

Broschüre von Julia Pasko, Thomas Stakenborg, Oliver Killgus, erschienen im Zoeschlin-Verlag von Gerhard Guffler. Erhältlich im Brecht-Shop.

Schon der Auftakt im Foyer war eine Liebeserklärung an die Geburtsstadt des Jubilars BB (Bert Brecht). Die Gäste spazierten durch die Fotoausstellung „Augsburger Augenblicke“ des Fotografen Thomas Stakenborg. Seine beeindruckenden Aufnahmen zeigten die Stadt Augsburg so, wie Brecht sie wohl sofort wiedererkannt hätte: ehrlich, fragend, direkt und voller Leben. Es war der perfekte Einstieg in einen Abend, der unter dem Motto stand: „Die Städte sind für dich gebaut.“

Passend zum Abend und der präsentierten Festschrift erinnerte man sich an Brechts Zeilen, die den Kern der urbanen Begegnung treffen:

„Setz dich! Und iss! Wir haben nicht viel. Aber was wir haben, das geben wir dir gerne.“

Musik von Stefan Holstein und Uli Fiedler.


Brecht selbst war zeitlebens ein Gastgeber, der die Geselligkeit und den Austausch mit seinen Gästen genoss. Diesen Geist nahm das Bayernkolleg wörtlich. Die Schulleitung, das Lehrerkollegium und die Schülerinnen und Schüler waren gemeinsam auf den Beinen, um den Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.

Kulinarische Hommage und literarische Kost

An der liebevoll hergerichteten Theke im Foyer gab es wunderbare bunte Brecht-Muffins. Jedes Gebäckstück trug stolz einen Werktitel. So konnte man sich buchstäblich durch das literarische Gesamtwerk naschen. Neben Getränken und Gebäck lud der Büchertisch zum Stöbern ein. Eine im Zöschlin Verlag eigens für den Abend von der Schule erstellte Broschüre diente den Gästen als kluger Begleiter durch den Abend. Mehr noch, das Heft ist eine Festschrift im Zoeschlin-Verlag mit Worten von Oliver Killgus und mit Gedichten aus „BB Gedichte für Städtebewohner“, ausgewählt von Julia Pasko und gestaltet von Gerhard Guffler. Dazu kamen ergänzende Fotos von Thomas Stakenborg und eine eigene ISBN-Nummer, damit das Werk in jeder Buchhandlung erhältlich ist.

Die Gäste im Bayernkolleg wurden brechtig verwöhnt.

In der Aula wurde es nach und nach lebendiger. Ulrike Schrimpf lieh dem Geburtstagskind ihre Stimme und las Brecht so frisch und gefühlvoll, als wären die Zeilen erst gestern geschrieben worden. Auf dem Podium versammelte sich eine illustre Runde, um den Jubilar gebührend und seine Geburtsstadt, in der er auch aufgewachsen ist, aber auch zu untersuchen. Politisch und gesellschaftskritisch ging es auch um die Frage, wie lebenswert unsere Städte und unser Augsburg heute sind.

Wer waren die Gäste auf dem Podium?

  • Claudia Roth: Die Staatsministerin für Kultur und Medien, die Brechts Erbe stets mit aktueller politischer Leidenschaft verknüpft. Sie meint: "Die Stadt ist der Ort, an dem ich dazugehöre. Sie ist Heimat, sie ist der Ort, wo ich gebraucht werde, wo Menschen einander sehen und lieben. Die Stadt ist der Raum, in dem Demokratie erfahrbar wird, im Alltag, auf Plätzen, in Debatten. Und sie ist der Ort der Vielfalt: widersprüchlich, lebendig, solidarisch – ganz im Sinne von Bertolt Brecht."

    Peter Müller:
    Der Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, der den journalistischen Blick auf die Stadt, ihre Probleme und ihren Dichter lenkte. Er meint: "Brecht war der Dichter des Berlins der 1920er Jahre. Einer Großstadt, die er oft als kalt beschrieb und in der sich die radikalen politischen Kräfte erbarmungslos gegenüberstanden. Es wäre sicher interessant, was Brecht über die brutalen Einsätze von Trumps ICE-Söldnertruppe in Minneapolis zu sagen hätte. Oder, natürlich auf einer ganz anderen Ebene, über die Debatte um den Süchtigentreff in Augsburg-Oberhausen."

  • Günter Berg: Der Brecht-Kenner und Literaturexperte, der als Moderator charmant durch die Bert-Brecht-Stadt und die Welten des Jubilars führte. Er meint: "Brecht ist ein durch und durch politischer Dichter. Sein ungemein wacher Blick auf die Welt, auf die Menschen und die sozialen Ambivalenzen ihres Lebens bestimmte sein Schreiben, egal in welcher Gattung. Es drängte ihn früh ins Dickicht der Städte. Sie waren ihm Brennglas seiner Beobachtungen, sie blieben ihm Bühne und Kulisse der Unmenschlichkeit."

  • Roman Deininger: Der SZ-Chefreporter und Buchautor, der Brechts Relevanz für die moderne Gesellschaft scharfsinnig analysierte. Er ist inzwischen sogar zum stellvertretenden Chefredakteur der SZ aufgestiegen. Er meint: "Für Brecht waren die großen Städte seiner Zeit oft kalte, anonyme Orte. Heute können Städte wieder Orte der Hoffnung sein: Weltweite Herausforderungen wie Umweltschutz oder Energiewende werden dort zu sehr praktischen, mithin lösbaren Aufgaben. Die Städte der Moderne sind die Zukunftslabore guter Politik."

Brecht-Lektüre und Brecht-Souvenirs.


Musikalischer Ausklang

Was wäre ein gelungener Brecht-Abend ohne Musik? Für den perfekten Rhythmus und die atmosphärische Untermalung sorgten Stefan Holstein mit seiner Klarinette und Uli Fiedler am Kontrabass. Mit ihren intensiven Klängen schafften sie es meisterhaft, die Brücke zwischen den Texten und dem Publikum zu schlagen. Mal sanft begleitend, mal akzentuiert und lebendig. Die musikalische Gestaltung war ein echter Genuss und verlieh der Feier eine Eleganz, die den Abend in der Aula des Bayernkollegs vollends abrundete.

Schulleiter Oliver Killgus brachte die Veranstaltung auf den Punkt: „Es ist ein Abend, der Brechts Geburtstag zum Anlass nimmt, zentrale Fragen unserer Gegenwart zu stellen und im Sinne Brechts Haltung zu bewahren, Widersprüche auszuhalten und Fragen zu stellen. Denn: Die Städte sind für uns alle gemacht.“ In und zu der Broschüre schrieb Killgus: "Dieses kleine, aber feine Büchlein begleitet einen Abend, der Brechts Geburtstag zum Anlass nimmt, zentrale Fragen unserer Gegenwart zu stellen: Die Rolle der Medien, das Verhältnis zwischen Macht und Öffentlichkeit, die politische Verantwortung der Städtebewohner für ihre Lebenswelt."

B
ert Brecht hätte an diesem Abend seine helle Freude gehabt. Das Bayernkolleg präsentierte sich als wunderbarer Gastgeber, bei dem alle Hand in Hand arbeiteten. Ein Fest für einen 128-Jährigen, der im Herzen Augsburgs einfach jung geblieben ist.


Bericht und Fotos: Lina Mann

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