Unbreakable - Primal Fear im Spectrum


Ronnie Romero.

Es war 1999, die Welt im Millenium-/Y2K-Fieber, Verschwörungstheoretiker hatten Hochkonjunktur, man konnte noch in D-Mark bezahlen und Johannes Rau war Bundespräsident, da hörte ich zum ersten Mal einen Song von Primal Fear. ‚Final Embrace‘ war auf dem Rockhard-Sampler ‚Dynamit-17‘ drauf und die beiden Macher Ralf Scheepers – Ausnahmesänger, passionierter Bodybuilder – und Mat Sinner – Szeneikone und Tausendsassa im Metalbereich – machten allein mit diesem Track deutlich, wohin die Reise mit ihrer damals neuen Band gehen sollte: Schnörkelloser Powermetal, hochmelodisch, garniert mit Judas Priest-Screams bzw. Doppel-Leads und ordentlich Hummeln im Arsch. 27 Jahre später sind Primal Fear immer noch da. Die Erfolgsformel hat sich nicht verändert und die Band darf auf 15 Studioalben zurückblicken, von denen bestimmt zwei Drittel als Must Haves in jedem Plattenschrank stehen dürfen. Am 16.3. schaute die Band mal wieder im Spectrum in Augsburg vorbei, im Gepäck die bärenstarke neue Langrille ‚Domination‘ und als besonderes Schmankerl Ronnie Romero als Support.

Aber 1st things 1st. Jacken an der Garderobe für 1,60 abgegeben, führt uns unser Weg wie gewöhnlich zunächst zum Merchandise-Stand, wo Romero bereits fleißig Selfies mit sich machen lässt und Autogramme gibt. Nennt man Dienst am Kunden. Primal Fear-Shirts kosten 30, Cds 15 Euro. Heutzutage normal. 

Primal Fear: Thalia Bellazecca an der Gitarre.

Das Spectrum ist bereits bestens gefüllt. Am Ende dürfte der Club zu 80 bis 90 Prozent ausgelastet sein und der Altersdurchschnitt liegt etwa bei 40. Da fallen wir schon nicht auf. Die Tatsache, dass man im Spectrum ohne Probleme mal bis vor zur Bühne und wieder zurück schlendern kann, ohne dabei gleich gerempelt, angemacht oder gar niedergestreckt zu werden, darf dem Club und seinem Publikum getrost als über die Jahre gewachsener, echter Pluspunkt gut geschrieben werden und so pendeln wir uns, trotz später Ankunftszeit, in der vierten, fünften Reihe ein.

Ronnie Romero dürfte den meisten noch als letzter Sänger der legendären Rainbow bekannt sein. Überflüssig zu erwähnen, dass einer, der diesen Posten bekommt und damit das ‚Ok‘ von Ritchie Blackmore, ein Meister seines Fachs sein muss. Dies stellt er dann auch bei den ersten drei Songs aus eigener Feder unter Beweis. ‚Backbone‘, ‚Never Felt This Way‘ und ‚Eternally‘ werden getragen von Romeros Stimme, der wirklich ungewöhnlich sauber in allen Lagen, die seine hohe Range hergibt, singt. 

Primal Fear: Andre Hilgers hinter den Drums, Ralf Scheepers am Mikro und
Magnus Karlsson an der Gitarre.

Ansagetechnisch bleibt hängen, dass seine neue Schweizer Uhr nicht funktioniert und er immer wieder die Leute in der ersten Reihe fragen muss, wie viel Spielzeit denn noch übrig sei. In ‚Stargazer‘ folgt ein erster Rainbow-Klassiker, der von den Zuschauern zwar gern aufgenommen wird, aber noch nicht so recht zünden will. Dem Gesamtsound hätte ganz deutlich eine zweite Gitarre gut getan. So hängen die guten Soli ein wenig in der Luft. Sei’s drum! 

Sowohl eigene Songs wie ‚Bring The Rock‘ oder ‚Chased By Shadows‘ als auch das formidable Deep Purple-Cover ‚The Battle Rages On‘ und das finale ‚Kill The King‘, das selbstredend wohlige Erinnerungen an Ronnie James Dio hervorruft, wissen bei Romero zu überzeugen und werden vom Publikum mit ordentlichem Applaus honoriert.

Primal Fear voll in Aktion.

Nach entspannter Umbaupause und etwas Metal-Talk im gar nicht so kalten Raucherbereich starten Primal Fear (PF) ihr Set mit der Uptempo-Nummer ‚We Walk Without Fear‘ vom 2016er Output ‚Rulebreaker‘, das den meisten Anwesenden augenscheinlich nicht so geläufig ist, was sich aber bei den beiden neuen Tracks ‚Destroyer‘ (Genial!) und ‚I Am The Primal Fear‘ ändert, die einige bereits ausgelassen mitsingen. 

2024 hatte sich die Band runderneuert und Scheepers/Sinner holten sich ihren langjährigen Freund und Mitkomponisten Magnus Karlsson an der Leadgitarre, die italienische Gitarristin Thalia Bellazecca und den sympathisch irren Schlagwerker Andre Hilgers ins Boot, was man dem Live-Sound der Band positivst anmerkt. So tight haben PF seit Jahren nicht geklungen. Hut ab, was die beiden an den Gitarren da teilweise abliefern. Die Stimmung kocht dann bei ‚Final Embrace‘ (Jawoll!) zum ersten Mal hoch und sollte im weiteren Verlauf der Show auch nicht mehr abflauen. 

Primal Fear: Energielevel hoch!

Scheepers hält auf seine Weise das Energielevel hoch und scheint von seiner Stimmgewalt über die Jahrzehnte nichts verloren zu haben, während sich Mat Sinner, der sich von einer schweren Krankheit erholt, zwar die eine oder andere Acting-Pause gönnt, jedoch allein durch sein präzises Bassspiel, seine unvergleichliche Bühnenpräsenz, sein breites Grinsen vor allem bei den neuen Songs und den Fakt, die Krankheit auch mit Hilfe der Musik besiegt zu haben, allen im Publikum das spezielle Gefühl gibt, eben Teil einer Gemeinschaft zu sein. Der Metal-Gemeinde. 

Primal Fear: Mat Sinner am Bass.

Weiter geht’s mit den Klassikern und Titeltracks der gleichnamigen Alben ‚Nuclear Fire‘ und ‚Seven Seals‘, gefolgt vom neuen Hit ‚The Hunter‘, ‚Tears Of Fire‘, ebenfalls von ‚Domination‘ und ‚King Of Madness‘ von der ‚Apocalypse‘-Scheibe. Man sieht schon: PF gehen nicht auf Nummer Sicher und spielen nur die Songs, die eh jeder kennt, sondern promoten im besten Sinne ihr neues Werk und spicken die Setlist mit Überraschungen. So zeigt sich eine Band, die noch lange nicht fertig hat! 

Primal Fear: Schlussspurt gelingt.

Der Mittelteil der Show bietet mit ‚The End Is Near‘ (von ‚Rulebreaker‘), ‚Hallucinations‘ (wieder von ‚Domination‘) und der tollen Powerballade ‚Fighting The Darkness‘ (Übergeil! Von ‚New Religion‘) erneut eine Hand voll Lieder, die man so nicht unbedingt erwarten konnte, die sich aber überaus stimmig aneinander reihen und vom Publikum mehr als gerne genommen werden. ‚Chainbreaker‘, bekanntlich der erste Song, den das Duo Sinner/Scheepers zusammen geschrieben haben, läutet den Schlussspurt ein, welcher dann auch mit dem Chartstürmer ‚Metal Is Forever‘, bei dem aber auch der allerletzte den Refrain mitgrölt, ‚Hands Of Time‘, a-capella von allen fünf Bandmitgliedern im Sitzen vorgetragen, und dem unkaputtbaren Stampfer ‚Running In The Dust‘ vom ersten Album, vollauf gelingt.

Primal Fear: a capella.

Summa summarum darf gesagt werden, dass Primal Fear schlichtweg nun schon über Jahrzehnte abliefern. Wer auf nen PF-Gig geht, kriegt was er/sie sich vorher ausgemalt hat. Echten Heavy Metal eben. 

Der Umstand, dass viele neue und unbekanntere Stücke gespielt wurden, kann als unwiderlegbarer Fingerzeig gewertet werden, dass wir von der Band in den nächsten Jahren noch so einiges erwarten können. 

Dank an die Macher des Spectrums, die PF wieder nach Augsburg geholt haben.      


Bericht: Dennis „Doc“ Fuxx

Fotos: Peewee



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