Alte Filme öffnen im Thalia-Kino den Blick für das entschwundene Ostpreußen!

 

Badende in einem ostpreußischen See.


Ballonseide trifft Bernstein: Wenn die Ballonfabrik Augsburg den Blick auf Königsberg öffnet

Der Film «Ostpreußen – Eine entschwundene Welt» wurde in Augsburg im Beisein des Regisseurs Hermann Pölking im Thalia-Kino gezeigt.

Es war kein gewöhnlicher Dokumentarfilm, der den Zuschauern im vollen Thalia-Kino auf der Leinwand präsentiert wurde. Dieser Film über das alte Ostpreußen, das östlichste Deutschland, das es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gibt, war eine Collage aus vielen alten Filmen von 1912 und 1945, der verschiedensten Filmer. Zwölf Jahre lang hat der Bremer Filmemacher Hermann Pölking nach alten Aufnahmen gegraben und sie mit seinem Team mühevoll restauriert. Auf Auktionen von Nachlässen hat Pölking sich umgehört und in Archiven gesucht Mit seiner filmischen Reise nimmt er die Zuschauerinnen und Zuschauer nun in dieses entschwundene Land mitgenommen. Pölkings Film ist ein Kompilationsfilm. Er nutzt ausschließlich historisches Material. Es gibt keine Inszenierungen, keine Zeitzeugen-Interviews, keine Neudrehs.

Blick über einen masurischen See, an dem der Autor Siegfried Lenz aufwuchs. 


Aus dem August 1944 zeigen die filmischen Aufnahmen ein vermeintliches Idyll in Ostpreußens Hauptstadt Königsberg: Es fährt die Straßenbahn durch die prachtvolle Kantstraße. Am alten Hafen sind die Fachwerkspeicher aus dem 18. Jahrhundert zu sehen. Menschen flanieren bei schönstem Sommerwetter am Wasser. Es sind trügerisch friedliche Aufnahmen. Nur wenige Tage später werden britische Bomber Königsberg in Schutt und Asche legen.

Im April 1945 schließlich nimmt die Rote Armee die belagerte und völlig zerstörte Stadt ein. Der von den Deutschen Wehrmacht begonnene Angriffskrieg gegen die Sowjetunion hat sich nun gegen Deutschland gewendet. Mehr als zwei Millionen Menschen müssen aus Ostpreußen fliehen. Viele davon führt der Weg im Januar 1945 über das zugefrorene Frische Haff, rund 300.000 Menschen kommen bei der Flucht ums Leben. Damit beginnt der Film. Das Ende von Ostpreußen. Dann kommen friedliche Impressionen aus dieser entschwundenen Landschaft. Es ist die Zeit vor diesem schrecklichen Januar 1945.

Fischerboote in Ostpreußen an der Ostseeküste.


In vielen Familien bekamen durch Pölkings «Filmarchäologie» die alten Erzählungen nun endlich Bilder. In meiner eigenen Familie war das anders. Meine Großeltern hatten einen harten Schnitt gemacht: «Das alte Königsberg gibt es nicht mehr, wir sind jetzt Augsburger.» Sie wollten das neue Königsberg, jetzt das russische Kaliningrad, das neue Bartenstein und das neue Allenstein nach dem Krieg nicht mehr besuchen. Es war wohl ein bewusster Schutzraum aus Schweigen.

Hinter diesem Schweigen meiner Großeltern stand ein dramatisches Datum: Montag, der 22. Januar 1945. Es war der 44. Geburtstag meiner Oma Frieda aus Königsberg. Es war der Tag, an dem der letzte Zug die Stadt Königsberg in Richtung Berlin verließ. Mit drei kleinen Kindern auf der Flucht begann für sie ein neues Leben. Dieses fand schließlich in Augsburg seine Heimat. Sie waren wie viele andere vor dem Krieg und seinen tödlichen Gefahren aus den weiten Ebenen geflüchtet, wo der Wind der Ostsee unaufhörlich durch das Schilf der Kurischen Nehrung weht. 

Dort lag es, das alte Ostpreußen, ein Land wie ein wehmütiger Traum am Rande des Horizonts. Zwischen Memel und Weichsel wurzelte preußischer Stolz in dunklen Wäldern und glitzernden Seen. Es war die Heimat der Elche und der Bernsteinfischer, geformt vom Deutschen Orden, gekrönt in Königsberg. Ein Bollwerk der Geschichte, das in den Stürmen des Schicksals versank. 

Thomas Pölking antwortet auf Fragen zu seinem Film im Thalia-Kino.
(Foto: Lina Mann)


Ein Gänsehaut-Moment: Pölking zeigt mit seinem Film aus Filmen die allerersten Filmaufnahmen von Ostpreußen aus dem Jahr 1910. Zu sehen ist die Landung des Militär-Luftschiffes "Parseval 3" in Königsberg, das einst in der Augsburger Ballonfabrik Riedinger gefertigt wurde. Ein technisches Wunderwerk aus unserer Stadt in einer verblassten Welt, aus der meine Familie stammt. Während viele im Publikum die Geschichten ihrer Kindheit oder ihrer Vorfahren endlich sehen konnten, war es für mich die erste richtige Berührung mit dem Land meiner Vorfahren. Jenseits der Zerstörung. Pölking zeigt das alltägliche, echte Leben. Ungeschönt und lebendig. Den Alltag mit Fischerbooten an der Ostsee, Pferden und Kühen, die gemelkt wurden. Grüne Landschaften, staubige Wege und das Treiben der Dorfbewohner. 

Ein Besucher im Kino, der 1958 als kleiner Junge aus Ostpreußen kam, dankte Pölking sichtlich bewegt. Seine Kindheitserinnerungen hatten endlich eine Form bekommen. Und einer erzählte sogar im untergegangenen ostpreußischen Dialekt mitten zwischen den Zuschauern einen Witz in diesem etwas fremdartig klingenden Sound.

Wer kann, sollte diesen Film im Thalia erleben. Die DVD ist laut Pölking eine reine Notlösung für jene, die aus Altersgründen nicht mehr ins Kino kommen können. Die Atmosphäre im Kino ist durch nichts zu ersetzen.



Es fühlt sich nicht wie eine Missachtung der Haltung meiner Großeltern an, diesen Film zu sehen. Es ist vielmehr eine liebevolle Annäherung an das, was sie vor dem Untergang geliebt haben. Dass ich diesen Film bei der 95. Station von Pölkings großer Filmtour hier in Augsburg erleben durfte, schließt einen Kreis. Er begann am 44. Geburtstag meiner Oma im letzten Zug aus Königsberg. Es war Zeit, hinzusehen. Ein großes Kompliment an das neue Thalia-Team und an Hermann Pölking. Wer Geschichte nicht nur lesen, sondern wirklich spüren will, muss diesen Film sehen.


Bericht: Lina Mann


Ausschnitt aus dem Film über Ostpreußen

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