Wenn die neue Tram zur unendlichen Geschichte wird.
Augsburger Schienen-Odyssee mit Hindernissen
Wer braucht schon Pünktlichkeit, wenn man Vorfreude haben kann? Als der Kaufvertrag für die neuen Tramlink-Flitzer im Oktober 2019 unterzeichnet wurde, träumten die Stadtwerke Augsburg noch von einem Premierentanz auf den Gleisen im Jahr 2022. Dann kamen jedoch die Pandemie und weltweite Krisen dazwischen. Plötzlich hatten die Bauteile der neuen Bahnen wohl mehr Reisebeschränkungen als wir im ersten Lockdown. Das Ergebnis war eine satte Verspätung von über einem Jahr.
Im September 2023 war es dann endlich so weit. Die Stadtwerke präsentierten das neue Prunkstück, hergestellt von Stadler Rail in der Schweiz, beim Tag der offenen Tür im Betriebshof. Die Augsburger durften gucken, aber noch nicht mitfahren.
Der Startschuss für den Fahrgasteinsatz wurde optimistisch auf das Frühjahr 2024 datiert. In weiser Voraussicht, oder vielleicht auch einfach mit einer ordentlichen Portion Augsburger Übermut, verkaufte man die Mehrheit der alten GT6M-Wagen schon mal nach Zagreb. In Kroatien freute man sich, während in der Brecht-Stadt die Lücken im Fahrplan so groß wurden, dass man die letzten vier alten Wagen doch lieber hektisch im Depot behielt. Man will ja nicht, dass die Fahrgäste am Ende zu Fuß gehen müssen.
Das Frühjahr 2024 kam, und der Tramlink 901 wagte sich tatsächlich bei Tageslicht auf die Schienen. Doch die Flitterwochen mit dem Augsburger Schienen hielten nicht lange. Im November 2024 folgte die Beichte der Stadtwerke. Man sei noch nicht ganz zufrieden. Das Problem: Die Bahn bremst bei Notfällen in engen Kurven so beherzt, dass sie sämtliche Grenzwerte sprengt. Die Aufsichtsbehörde sagte dazu trocken »Nein!«.
So mussten die verbliebenen Oldtimer aus den Neunzigern noch zwei weitere Sommer lang den Dienst verrichten und beweisen, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehören.
| Nächtliche Testfahrt. (Foto: swa) |
Das Wunder von Augsburg:
Der Tramlink bewegt sich (mit echten Menschen!)
Es geschehen noch Zeichen und Wunder in der Brecht-Stadt. Wir schreiben den April 2026 und man mag es kaum glauben: Der Augsburger Tramlink hat tatsächlich die Erlaubnis bekommen, nicht nur als schickes Standmodell im Depot zu glänzen. Ende März gab die Regierung von Oberbayern grünes Licht. Nach einer Wartezeit von exakt 984 Tagen, was fast drei Jahre oder gefühlte zwei Ewigen-Licht-Perioden sind, feierte Wagen 901 am Montag, dem 13. April 2026, endlich seine Premiere im Fahrgastbetrieb.
Der Einstand war allerdings eher ein kurzes Gastspiel als eine Welttournee. Der Neuling durfte eine Runde auf dem Verstärkerkurs 23 der Linie 6 drehen. Einmal vom Betriebshof über den Kö nach Stadtbergen, rüber nach Friedberg West und dann schnell wieder ab ins Körbchen.
Dieses Programm soll auch in den nächsten Tagen fortgesetzt werden. Vorausgesetzt natürlich, es wird in Augsburg nicht gestreikt, wie es am heutigen Mittwoch, dem 15. April 2026, der Fall ist. Den Rest des Tages braucht das Fahrzeug nämlich noch für das Personal, damit die Fahrerinnen und Fahrer lernen, wie man bremst, ohne dass die Fahrgäste unfreiwillig Purzelbäume schlagen.
Aktuell sind vier der sieben teiligen Stahlrösser von Stadler Rail geliefert worden. Bis zum Jahresende sollen neun über das Augsburger Gleisnetz rollen, und 2027 folgt dann der Rest der Flotte.
Die Verstärkung wird auch bitter nötig sein. Unser neu gewählter Oberbürgermeister Florian Freund hat im Wahlkampf nämlich das Blaue vom Himmel, oder besser gesagt, den Fünf-Minuten-Takt von der Schiene versprochen. Damit will er das Erbe des früheren Stadtwerke-Vorstands korrigieren, der den Takt seinerzeit so großzügig gedehnt hatte, dass mancher Fahrgast an der Haltestelle fast Wurzeln schlug.
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