Hein Kohn: Ein bisher vergessener Verleger aus Augsburg!

  

Hein(z) Kohn in jungen Jahren.


Tuchhändler, Buchverleger und Widerständler gegen das NS-Regime

Man sollte meinen, über die bedeutenden Persönlichkeiten aus der Jakobervorstadt sei schon alles geschrieben worden. Berühmte Namen wie Fugger (Kaufleute), Brecht (Librettist), sofern man das Bleichquartier einbezieht, schillernde Figuren wie Guggenberger (Templer), oder verbrecherische wie der KZ-Kommandant Loritz, begründeten den famosen Ruf der Arbeiter- und Handwerkervorstadt.

Unbekannt, aber nicht unbenannt

Völlig unbekannt ist Hein Kohn. Er entstammte einer jüdischen Tuchhändler-Familie und war ein engagierter Verleger für Literatur, die von den Nationalsozialisten verboten wurde. Dr. Ingvild Richardsen beschrieb sein Leben in einer spannenden Biografie. Die Wissenschaftlerin und Dozentin für Europäische Kulturgeschichte veröffentlichte das Werk in der Reihe »Vergessenes Bayern«.

Geburtshaus von Hein(z) Kohn in der ehemaligen Kaiserstraße 23,

Keine Teilhabe in der Weberzunft

Hein Kohn wurde im Jahr 1907 in gutbürgerlichen Verhältnissen in der Konrad-Adenauer-Allee 23, damals Kaiserstraße, als Sohn des wohlhabenden Kaufmanns Eugen Kohn geboren. Die Familie war aus Steppach nach Augsburg zugezogen. Erst unter seinem Großvater erhielten sie Mitte der 1830er Jahre die Ansässigkeitserlaubnis vom bayerischen König. Der Stadtrat versuchte jahrelang, das Gewerberecht zu verweigern. Frau Richardsen recherchierte beeindruckend, wie die christliche Weberzunft und die Kaufleute mit Intrigen und Verleumdungen versuchten, einer jüdischen Familie die Sesshaftigkeit und ein selbstbestimmtes Auskommen zu verwehren.

Ob minderwertige Ware, Vorwürfe des »Einschleichens« in die Stadtgesellschaft oder mangelnde Kundschaft. Nichts wurde seitens der Stadt unversucht gelassen, um einen missliebigen Tuchmacher außerhalb der Stadtgrenzen zu halten. Letztlich waren es die liberalen Wittelsbacher, die dem Treiben der zunftständigen Kreise Einhalt geboten.

Blick vom Alten Einlass( Gerichtsgebäude) in Richtung Grottenau,
Augsburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Ansehen durch Fleiß

Die Familie Kohn produzierte in der Jakoberstraße 11 in einem Hinterhof. Das Geschäft florierte. Nach mehreren Betriebsvergrößerungen entwickelte sich die Tuchweberei zu einem angesehenen Textilunternehmen. Mitte des 19. Jahrhunderts zeichnete Augsburg auf der Industrieausstellung im Jahr 1852 sogar die herausragende Qualität des Kohn’schen Tuchsortiments aus.

1907 wurde Hein Kohn in dritter Generation geboren. Nach der Schule schloss er eine Lehre als Textilkaufmann ab. Seine Leidenschaft galt jedoch den Büchern. Deshalb volontierte er bei der damals bedeutendsten Buchhandlung Lampart & Co. Dort lernte er seinen Spezl Bertolt Brecht kennen, dem er Bücher auslieh. Mit ihm blieb er sein Leben lang in Kontakt. Kohn war ein politischer Mensch. So war es kein Wunder, dass er als Jude die Stadt verließ. Kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Mai 1933 ging er ins Exil nach Holland. Das Vermögen seiner Familie ging durch die Arisierung im Jahr 1938 verloren.

Als Verleger aktiv in den Niederlanden: Hein Kohn.

Widerstand im Exil

Hein Kohn verlegte vom Exil aus im Dritten Reich verbotene Bücher auf Niederländisch, um deren Verbreitung in den Niederlanden und Belgien zu fördern. Außerdem erwarb er günstig Bücher aus den Verkäufen »entarteter« Kunst des NS-Regimes und bot diese in den flämischen Gebieten an. Frau Richardsen berichtet, dass Kohn sogar Brechts »Dreigroschenoper« dort publizierte.

Als die Niederlande im Jahr 1940 besetzt wurden, musste der Verleger untertauchen. Er lebte im Dachboden seines Hauses in Hilversum. Von dort aus betrieb er seine politischen Scharmützel gegen die Kulturfunktionäre der Nationalsozialisten. Trotz ständiger Lebensgefahr führte er seinen Widerstand im Untergrund fort. Er publizierte und vertrieb im Reich verfemte Schriftsteller. Dank treuer Freunde gelang es ihm, bis zum Sturz des Regimes zu überleben.

Heute nur noch Hinterhof beim Jakober Tor. Früher war hier die erste
Weberei in der Jakobervorstadt.

Einmal Augsburger, immer Augsburger

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Kohn in den Niederlanden, obgleich ihn die Sehnsucht nach Augsburg nicht losließ. In den 1970er Jahren malte der Künstler Ernst Metz deshalb ein Bild der Innenstadt für ihn. Sein berufliches Werk führen sein Sohn Menno und seine Enkelin Linda nach seinem Tod am Mittwoch, den 24. Oktober 1979, erfolgreich weiter.

Die Biografie von Frau Dr. Richardsen ist ein interessantes Stück Heimatkunde. Nicht nur wegen seiner aufrechten Haltung ist das Leben von Hein Kohn lesenswert. Besonders eindringlich ist die Beschreibung der Stadtgesellschaft des 19. Jahrhunderts, in der Juden bereits diskriminiert wurden. Es war Antisemitismus in einer sehr perfiden Form.


Bericht: Edgar Mathe



Bilder: Autor, Ingvild Richardsen, (Publikation)

Tücher und Bücher / Ingvild Richardson / 2026 / Volk Verlag München / ISBN 978-3-86222-560-6


AUSSTELLUNG ZU HEIN KOHN
Brechthaus
, Auf dem Rain 7, 86150 Augsburg. 
Zeit: Dienstag bis Sonntag, 10:00 bis 17:00 Uhr
(Ausstellungsdauer bis Donnerstag, den 31. Dezember 2026). 
Eintritt: 4,00 Euro (ermäßigt 2,50 Euro). 
Informationen: Kulturportal Augsburg | Volk Verlag


Das Buch über Hein Kohn ist beim Verlag, im Brecht-Haus
und in der Augsburger Buchhandlung am Obstmarkt erhältlich.

Kommentare