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Zwischen Seide, Paragrafen und der Schwedenstiege
Da wandelt nun ein Robert Heuser seit neun Jahren durch Augsburg, im Gepäck die schwere Last der Sinologie und das feine Seidenpapier der chinesischen Rechtskunde. Heuser wurde 1943 in Trier geboren. Eine über 2000 Jahre alte Stadt wie Augsburg. Einst auch von den Römern gegründet. Es ist ein köstliches Schauspiel. Ein Trierer, dreht in Augsburg unzählige Runden, ausgestattet mit seinem neuen Augsburger Geist.
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| Archäologischer Park |
Doch horch, in den Gassen von Augsburg hallt noch ein anderes Echo wider. Dort, wo ein gewisser Bertolt Brecht seine ersten Verse schmiedete, hat auch er das Heil nicht im Weihrauch, sondern im kühlen Blick nach Osten gesucht. Er machte aus dem fernen Kaiserreich ein Lehrstück für das hiesige Volk. So finden sich in dieser Schwabenmetropole zwei Seelen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Der eine, Heuser, der mit der Lupe des Gelehrten die rechtlichen Gefüge seziert, und der andere, der große Bert, der die chinesische Maske vor sein schwäbisches Antlitz hielt, um uns die Wahrheit ungeschminkt ins Gesicht zu sagen.
| Autor Robert Heuser. |
Von Brecht lesen wir einiges in Heusers Buch, das mir beim Durchlesen einige neue Aspekte über unser Augsburg eröffnete. Es motiviert mich, unbekannte Örtlichkeiten in Augsburg wieder genauer zu betrachten und über deren Wirkung und Ursprung tiefer nachzudenken. Heuser scheint seine Wohnung auch in dem Viertel Bleich zu haben, wo einst Brecht zwischen der idyllischen Kahnfahrt und dem verbotenen Rotlicht-Quartier Hasengasse aufwuchs.
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| Führung bei Brechts Jugendhaus in der Bleich. |
Heusers Werk ist kein trockenes Gesetzbuch. Es ist eine philosophische Wanderschaft über den gesamten Erdball. Er spannt den Bogen von der Großen Mauer bis hinunter zum Lech, als wäre die Weltkarte nur ein kleiner Teppich, den man im heimischen Wohnzimmer ausrollt. Doch der wahre Zauber entfaltet sich, wenn der Autor seinen Blick wieder auf die Pflastersteine Augsburgs lenkt. Er verliert sich in den alten Gassen, beschreibt die alten Häuser, Türme, Tore und Plätze mit einer Präzision, die jeden verzückt, der sich für Augsburg interessier. Ihn faszinieren enge und dunkle Gassen wie das Quersächsengässchen oder das Butzenbegle. Ganz besonders die Bäche und Kanäle, dieses flüssige Silber in Augsburg, haben sein Herz erwärmt.
Es menschelt auch tüchtig in Heusers Buch. Wir erfahren von einer Frau, die wegen einer bestimmten Blume immer gern den Hofgarten besucht, von einem türkischen Mädchen, das ihren Hund dressiert und auch von einem Pfarrer, der mit Regenschirm hastig davoneilt. Einem Jogger im engen Anstoßgässchen hätte er am liebsten seinen Regenschirm hinterhergeworfen.
Heusers liebster Ort ist wohl die Schwedenstiege. Wann wurde sie erbaut und wer hat sie erbaut? Dort, wo die 70 Stufen steil nach oben führen, als wollten sie den Wanderer direkt in den Himmel der Erkenntnis heben, verweilt er am liebsten. Wir erfahren vom ihm, dass es rund 3.300 Schritte von der Schwedenstiege über den Kö zur Hermanstraße sind. Zwei Fotos der Schwedenstiege sind eingebaut. Bei einem mit Blick nach oben, beim anderen mit Blick nach unten.
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| Durch Augsburgs Gassen. |
Heuser besucht besondere Orte in Augsburg, wie das Grab der Eltern von Bert Brecht im Protestantischen Friedhof. Vielleicht hat der Autor durch das Buch "Unser Leben in Augsburg, damals" von Walter Brecht, Berts Bruder, der Papier-Experte wurde, von diesem Grab in der südöstlichen Ecke des romantischen Friedhofs beim Bahnhof Haunstetter Straße erfahren?
Heuser besucht Kirchen und hat den Freund Wilhelm, mit der Halma spielt und religiöse Themen diskutiert. Wir erleben mit dem präzise draufschauenden Heuser die Corona-Zeit. Hier blickt er auch nach China, was da während der Pandemie mehr oder weniger Schreckliches passiert. Dabei tauchen auch chinesische Schriftzeichen im Buch auf. Jeden Tag schreibt Heuser einen Satz nieder. Das können dann acht kurze oder drei lange über eine Seite sein. Insgesamt füllt er damit 314 Seiten. Einige Seiten braucht er, um alle Bücher unterzubringen, die er liest.
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| Der Fünffingerlesturm am Stadtgraben. |
Am 24.12. notiert Heuser nach einem Spaziergang folgende Sätze: "In einer versifften Gasse am Fuße des Domhügels hat sich in einem verhärmten, rußigen Haus, von dem der Putz bröckelt, über dessen Eingang jedoch ein ovales Medaillon mit tiefplastischer Darstellung der Madonna mit dem Kind den Blick verweilen lässt, „Die Linke“ eingemietet und fordert „Respekt“ für Rentner. – dass eben dieser dem bedeutenden Künstler und Wegbereiter der Renaissance Hans Burgkmair (geb. 1472), der, wie eine verblichene Tafel angibt, in diesem Haus von 1507 bis zu seinem Tode 1531 gewohnt hat, für jeden sichtbar verweigert wird, scheint niemand zu bemerken – wer denkt da nicht an Nürnbergs Dürerhaus?!" Heuser spielt mit dieser kritischen Betrachtung über ein altes Haus am Mauerberg, nicht weit vom Kino Liliom, auf das Haus in Nürnberg an, das für den berühmten Künstler-Sohn Albrecht Dürer, für den Tourismus super herausgeputzt wurde.
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| Heuser: Auch auf theologischen Spuren durch Augsburg. |
Nach all diesen Reisen sucht er seine Zuflucht ausgerechnet in einem Haus, das sich »Grand Hotel« nennt. Doch man erwarte dort keine goldenen Löffel. Es ist das Grandhotel Cosmopolis, ein Ort, an dem die Welt ihr gestrandetes Gut ablädt, wo Flüchtlinge aus fernen Ländern wohnen. In diesem Augsburg wird das Grand Hotel zu einem Wartesaal der Menschlichkeit. Dort sitzt Heuser auch mit seinem Freund Wilhelm und unterhält sich über religiöse Dinge. Es ist rührend zu lesen, wie Wilhelm auf den letzten Seiten immer schwächer und älter wird, doch inmitten der Gebrechlichkeit noch immer ein tiefes Glück verspüren kann, wie es uns Heuser mitfühlend aber nicht wehleidig schildert.
Am Ende all der Wege, der Reisen durch China und der Gänge durch die Augsburger Altstadt, kommt Heuser ab und zu zur Ruhe. Er erkennt, dass alles Streben, alles Reisen und alles Denken in ein größeres Muster geflochten ist.
So schließt Heusers Werk mit jener Weisheit, die schon seit Jahrhunderten am Augsburger Weberhaus prangt und die Vergänglichkeit wie die Beständigkeit gleichermaßen ehrt:
»Der Mensch webt sein Gewebe
und die Zeit webt die ihren.«
Bericht: Arno Loeb
Robert Heuser / Lauter letzte Jahre - Augsburger Tagessätze 2017-25 / PinusDruck, Augsburg / 314 Seiten / 19,90 / ISBN 978-3-94-6901-10-5 / Erhältlich: Buchhandlung am Obstmarkt, Augsburg
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Folgende Augsburger Personen, Vereine, Organisationen, Geschehnisse und Örtlichkeiten kommen in Robert Heusers Buch vor:
Gustav Adolf, Hans Georg Mozart, Maria Anna Thekla Mozart, Anton Fugger, Frauentorstraße, Figurentheater Kladderadatsch, Bäsle Häsle, Äußeres Pfaffengässchen, Kleiner Goldener Saal, Heiig-Kreuz-Kirche, Lutherstiege, Da hinab, Kigiku, St. Ulrich, Fugger, St. Stephan, Anstoßgässchen, Domherrenhof, Kaiser Maximilian, Schwedenweg, Springergässchen.






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