Mit Fikret Yakaboylu hat die Schwabenmetropole Augsburg einen ihrer herzlichsten Kulturaktivisten verloren. Er war weit mehr als nur ein Gastronom. Als Wirt der legendären Künstlerkneipe Neruda schuf er in Augsburg einen einzigartigen Ort der Begegnung. In seinem Lokal kamen Menschen aller Kulturen, Altersgruppen und Lebensentwürfe zusammen. Fikret leitete diesen Raum mit einer tiefen humanistischen Überzeugung und lebte die Vision einer offenen Gesellschaft jeden Tag hinter dem Tresen vor.
Fikret Yakaboylu war eine zentrale Säule des kulturellen und sozialen Lebens in Augsburg. Er prägte die Stadt nachhaltig als Maler, Literat, Schauspieler und vor allem als unermüdlicher Brückenbauer zwischen den Kulturen. Sein Wirken war stets davon angetrieben, nicht nur zuzuschauen, sondern aktiv etwas für eine bunte, vielfältige und friedliche Gesellschaft zu tun.
Das Kulturcafé Neruda und der Kültürverein In den Jahren 2010 und 2011 gründete er das Kulturcafé Neruda im Augsburger Domviertel und rief den Kültürverein ins Leben. Das Neruda war für ihn nie nur eine gewöhnliche Gastronomie, sondern vielmehr ein freier Begegnungsort für Kunst, Kultur, Integration und Solidarität. Es fühlte sich für viele Besucher wie ein „gemütliches Wohnzimmer“ an, in dem sich Menschen unterschiedlichster Herkunft, Atheisten, Buddhisten, Muslime und Christen, friedlich begegneten. Fikret Yakaboylu bildete das Herz und die feste Basis dieses Vereins, in dessen Hinterzimmer viele weitreichende Ideen entstanden.
Die Kültürtage und sein künstlerisches Wirken Über den Verein organisierte er das jährliche Festival „Kültürtage“. Dabei brachte er Künstlerinnen und Musiker aus der ganzen Welt auf die Bühne, um das Verbindende der Kulturen aufzuzeigen und Vorurteile abzubauen. Ihm war es ein großes Anliegen, kulturelle Teilhabe aktiv zu leben: Die Veranstaltungen waren in der Regel kostenlos, sodass jeder Mensch – unabhängig von sozialer Stellung, Herkunft oder Bildung – Zugang zu Kunst und Kultur hatte. Auch seine eigenen künstlerischen Projekte trieb er unermüdlich voran. So war er künstlerischer Leiter der Kabarettgruppe „Döner mit Sauerkraut“, für die er satirische Stücke schrieb, und stellte viele seiner eigenen Kunstwerke in seinem Café aus.
Flüchtlingshilfe und soziales Engagement Sein Einsatz ging weit über die Kunst hinaus. Er öffnete die Türen des Neruda für Geflüchtete und bot ihnen einen Ort, an dem sie eine neue Heimat finden konnten. In Zusammenarbeit mit dem Familienzentrum organisierte er Deutschkurse, bei denen weniger die Grammatik, sondern vielmehr der offene Austausch im Vordergrund stand. Mit gemeinsamen Feiern, wie etwa einem Osterfrühstück für Geflüchtete, förderte er den interkulturellen Dialog und das gegenseitige Verständnis.
Dieses tiefgreifende Mitgefühl wurzelte in seiner eigenen Geschichte: Als junger Erwachsener musste er selbst aus der Türkei fliehen, nachdem das dortige Regime nach dem Militärputsch unter General Evren systematisch Andersdenkende verfolgte.
Fikret Yakaboylus eigene Fluchtgeschichte ist tief bewegend und der Hauptgrund dafür, warum ihm später die Arbeit mit Geflüchteten in Augsburg so sehr am Herzen lag. Hier sind die genauen Hintergründe seiner Flucht: Er floh im Jahr 1980 als Jugendlicher aus der anatolischen Stadt Eskişehir nach Deutschland. Der Grund dafür war der Militärputsch unter General Kenan Evren, woraufhin ein faschistisches Regime begann, politisch Andersdenkende systematisch zu verfolgen. Eine lebensgefährliche Situation. Yakaboylu gehörte zu den Glücklichen, die es rechtzeitig außer Landes schafften. Er erlebte hautnah mit, wie politisch aktive Freunde nachts von der Polizei abgeholt wurden und spurlos verschwanden oder im Gefängnis landeten und Folter ausgesetzt waren.
Dass Fikret die Flucht gelang, verdankte er seinem Vater. Dieser war Kandidat bei den Sozialdemokraten und nutzte seine guten Kontakte, um für seinen Sohn einen Pass zu organisieren, mit dem er fliehen konnte. Seine Reise führte ihn zunächst nach Freiburg, wo seine Schwester lebte. Er bezog ein Zimmer in einem Studierendenwohnheim und erinnerte sich später daran, dass das Ankommen damals viel unkomplizierter war, da es für Geflüchtete keine Arbeitsverbote oder Wohnsitzauflagen gab.
Interessanterweise blieb er bei diesem ersten Aufenthalt nur neun Monate in Deutschland. Da ihm der Entzug der türkischen Staatsbürgerschaft drohte, kehrte er in die Türkei zurück. Die politische Lage hatte sich durch den Druck der EU zwar etwas entspannt, dennoch wurde er mit einem fünfjährigen Ausreiseverbot belegt. Weil viele seiner alten Kulturorte (wie seine ehemalige Theatergruppe) durch das Regime zerstört worden waren, zog er an die Schwarzmeerküste, studierte Architektur und widmete sich ganz der Kunst.
Erst im Jahr 1994 kehrte er endgültig nach Deutschland zurück. Diesmal der Liebe wegen. Nach einer ersten Station in Stuttgart führte ihn sein Weg schließlich nach Augsburg. Seine eigenen Erfahrungen, die Heimat verlassen zu müssen und in der Fremde willkommen geheißen zu werden, prägten seine tiefe Überzeugung, dass man Menschen in Not die Türen und Herzen öffnen muss – was er später in seinem Kulturcafé Neruda aktiv vorlebte.
Ein besonderer persönlicher Lebensweg Fikret Yakaboylus privater Weg war außergewöhnlich. Aufgewachsen in einer streng atheistischen und kommunistischen Familie in der Türkei, suchte er nach Wegen, die Welt menschlicher zu machen und das Leid aufzuheben. Später in Deutschland wandte er sich der Religion zu, da er erkannte, dass politische Ideologien allein nicht ausreichten, um den Menschen tiefgreifend zu ändern. Er fand schließlich in der katholischen Kirche eine spirituelle Heimat, ließ sich taufen und pflegte im Neruda eine besonders herzliche Gastfreundschaft für die jungen Erwachsenen der Pfarrei Heilig Kreuz.
Für sein Lebenswerk und seinen Einsatz für Vielfalt, Frieden und Integration wurde Fikret Yakaboylu mehrfach gewürdigt. Er erhielt 2016 den Augsburger Zukunftspreis, 2018 den Pop-Preis Roy als Club des Jahres und wurde erst kürzlich mit der Verdienstmedaille der Stadt Augsburg ausgezeichnet. Er bewies mit seinem Lebenswerk eindrucksvoll, dass ein friedliches und bereicherndes Zusammenleben der unterschiedlichsten Kulturen möglich war.
| Fikret vor seinem Künstler-Lokal. |

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