Ein Zither-Club legt los: Dirigent wie ein Vulkan!

Der Zither-Club Bavaria Augsburg legt los beim Konzert im Roncallihaus.


Um ehrlich zu sein: Wenn man als Lokalreporter zu einem Zither-Club geschickt wird, erwartet man alles Mögliche. Aber ich hätte nie im Leben damit gerechnet, dass ich als absoluter Zither-Ahnungsloser plötzlich Feuer und Flamme für ein Instrument werde, das ich bisher ehrlicherweise nur als Nostalgie aus alten Heimatfilmen abgespeichert hatte.

Aber der Reihe nach. Ich habe den Zitherverein Bavaria Augsburg erst bei einem Konzert und dann bei einer Probe besucht. Der Club widmet sich der anspruchsvollen Salonmusik sowie der festlichen Volksmusik. Ebenso haben sie aber auch Musik aus der Zeit der Renaissance und des Barock im Repertoire und moderne Kompositionen für Zither wie Stücke von Freddy Golden.

Ich betrat den Proberaum im Keller und mein Blick fiel sofort auf die aufgeklappten Instrumentenkoffer, die edel mit dunkelrotem Stoff ausgeschlagen waren. Auf einem Tisch lag das historische Notenheft mit »Droben in den Bergen« von Eduard Hoenes und zwar die historischen Noten aus den 1920er-Jahren.


Dirigent Professor Dr. Hans Gruber.


Vorne stand der Dirigent, Prof. Dr. Hans Gruber. Ich verstehe, wie gesagt, nicht viel von Musik, aber dieser Mann ist ein Vulkan! Er gestikuliert rhythmisch, schwenkt die Arme hin und her, gebietet dem Orchester mit klaren Stopp-Zeichen Einhalt und rührt dann wieder auflachend und aufmunternd mit den Händen in der Luft herum, um das Tempo spürbar anzuziehen. Manchmal legt er seinen Finger auf den Mund, um anzudeuten, dass eine Passage leiser gespielt werden sollte.

Dr. Monika Müller kann viel zum Thema Zither erzählen.


E
r formt seine Truppe zu einem faszinierenden Klangkörper. Da sitzen sie alle und entlocken ihren Diskantzithern, den zwei Altzithern und der mächtigen Basszither Töne, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren. Für das harmonische, tiefe Fundament sorgen normal auch die beiden Gitarristen Harald Berger und Leo Fink, die bei dieser Probe aber fehlten. Die Finger der Musikerinnen und Musiker tanzen fast schwerelos über die Saiten.

I
n einer Pause kam ich mit Dr. Monika Müller, die Geschichte studierte, ins Gespräch. Sie ist die charismatische Moderatorin des Vereins, die an den Konzertabenden das Publikum immer so wunderbar mit feinsinnigen Gedichten und Geschichten durch das Programm führt. Sie nahm mich mit auf eine faszinierende Zeitreise in die Historie.

Wir kamen dabei auch auf die Geschichte mit dem Vater der Kaiserin Sisi. Sein Titel war Herzog in Bayern. Müller erzählt mir von der goldenen Ära der Zither und vom legendären »Zither-Maxl«, der dem Instrument einst zur Blüte als bayerisches Nationalinstrument verhalf. Er trat damit auch selbst auf. Damit erschloss er dieses Instrument den gehobenen Schichten, sein wesentlicher Beitrag in der Geschichte der Zither. Überhaupt: Da die Wittelsbacher sich volkstümlich gaben, das hat zur Verbreitung einer sogenannten »Tracht« und auch zur Identifikation der Zithermusik mit Bayern erheblich beigetragen.

Wir unterhalten uns über die lebendige Zither-Szene von heute, über ein Zither-Festival in Bayern und über einen Ausflug zur Ausstellung »Bayerische Musik« in Freyung. Es wird klar: Für Müller und ihre Musik-Freunde ist die Zither gelebte Kulturgeschichte.

Aber glauben Sie bloß nicht, die Musiker in Augsburg seien in der Vergangenheit stehengeblieben! Ein besonderer Konzert-Abend in meiner Reporter-Laufbahn, und ein gewaltiger musikalischer Sprung in die Moderne, ereignete sich, als ich das Konzert des Orchesters besuchte. Das Ambiente im Gögginger Roncalli-Haus war stimmungsvoll, der Saal restlos ausverkauft. Zunächst eröffnete das Zither-Orchester mit den beiden Gitarristen mit "Am Märchenbrunnen" von Ferdinand Kollmaneck. Ausnahmsweise dirigierte dabei Stefan Müller, wie auf unseren Fotos zu sehen ist, da Gruber erkrankt war.

Das Publikum und ich waren über diese vielfältigen Klänge und Rhythmen so fasziniert, dass es am Ende in langanhaltende Beifallsstürme und lautstarke Zugaberufe ausbrach, woraufhin sich das Orchester mit »Française aus Walkertshofen«, eine von französischen Tänzen inspirierte, sehr schwungvolle Volksmusik verabschiedete.

Ich war nach diesem Konzert-Abend jedenfalls derart begeistert, dass mir eines blitzartig klar wurde: Vergessen Sie E-Gitarren und Synthesizer! Wenn ich sehe und höre, welche unglaubliche Dynamik, Tiefe und emotionale Wucht in diesem Instrument steckt, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis junge Indie- und Pop-Bands die Zither als das kommende Trend-Instrument für sich entdecken.

Wenn der Zitherverein Bavaria Augsburg im kommenden November zu seinem nächsten Jahreskonzert erneut in das Roncalli-Haus einlädt, darf sich das Publikum auf ein facettenreiches Programm freuen. Wer der Probe lauscht, weiß schon jetzt: Egal ob in voller Besetzung mit treibenden Gitarren oder bei unerwarteten Pop-Einlagen – wenn die tanzenden Finger des Zithervereins Bavaria die Saiten berühren, entfaltet dieses Traditionsinstrument auch im 21. Jahrhundert seine unverkennbare Magie.

Die Besetzung:

  • Otto Kaneider, Felizitas Gschwendtner, Sr. Margarete Beil, Sr. Dorothee Maier, Monika Müller, Manuela Ehrlich, Anne Winbeck (Diskantzither)

  • Lydia Wiesmüller, Klaus Buchwald (Altzither)

  • Michael Bernreiter, Stefan Müller (Basszither)

  • Harald Berger, Leo Fink (Gitarre)


Die Finger tanzen über die Saiten.



Bericht und Fotos: Arno Loeb

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