Glanzzahlen mit digitalem Fragezeichen: Die Klassik Radio AG auf dem Prüfstand

 

Auch Mozart muss für Klassik-Radio Musik machen 


​Wer die aktuellen Pressemitteilungen der Klassik Radio AG aus der Schwabenmetropole Augsburg liest, könnte meinen, im Hauptquartier am Augsburger stadtmarkt laufe das Geschäft so harmonisch wie eine Symphonie von Mozart. Ein zweistelliges Umsatzplus, Rekordgewinne und eine Dividende für die Aktionäre. Doch schaut man als Wirtschaftsjournalist hinter die Kulissen der Bert-Brecht-Stadt, zeigen sich neben echten Erfolgen auch strategische Wetten, die erhebliche Risiken bergen.

​Der Blick auf die nackten Zahlen: Stimmt der Erfolg 2025?

​Ja, der Erfolg für das Geschäftsjahr 2025 lässt sich nicht wegdiskutieren, die Zahlen sind real. Das Unternehmen profitierte im Jahr 2025 von einer deutlichen Erholung nach den zähen Nachcorona-Jahren.

  • Umsatzsprung: Der Konzernumsatz kletterte um rund 11 Prozent auf circa 21,5 Millionen Euro, im Vorjahr lag er noch bei 19,4 Millionen Euro.
  • Ergebnis-Boost: Das operative Ergebnis (EBITDA) stieg sogar um stolze 22 Prozent auf rund 2,35 Millionen Euro.
  • Dividende: Auf der jüngsten Hauptversammlung im Kongress am Park am Donnerstag, den 18. Juni 2026, wurde eine Ausschüttung von 0,17 Euro je Aktie für das erfolgreiche Jahr 2025 vorgeschlagen.

​Wachstumstreiber waren vor allem das stark performende Live-Event-Geschäft sowie Werbeeinnahmen auf den Sendern Klassik Radio und dem Ableger Beats Radio. In einem stagnierenden Gesamtmarkt für Radiowerbung ist dieses Wachstum eine reife Leistung. Der Erfolg für das Jahr 2025 steht also auf dem Papier, aber an der Börse wird bekanntlich die Zukunft gehandelt.

​Die unangenehme Wahrheit: Der radikale Digital-Schnitt ab 2026

​Genau hier beginnt die Grauzone, vor der die Sendergruppe steht. Der Vorstand hat eine fundamentale Kehrtwende beschlossen, die das Geschäftsmodell komplett umkrempelt. Der kontrollierte Ausstieg aus der analogen UKW-Verbreitung ab dem Jahr 2026, beginnend im Kernmarkt Bayern.

​Was das Management als modern und effizient verkauft, ist wirtschaftlich ein Drahtseilakt:

  • Die Reichweiten-Falle: Klassik Radio verlässt den etablierten analogen Äther und setzt voll auf DAB+ und die hauseigene Streaming-Plattform Klassik Radio Plus. Das spart zwar enorme regulatorische Leitungs- und Sendekosten, schneidet den Sender aber gleichzeitig von den Gewohnheitshörern ab, die noch kein Digitalradio im Auto oder in der Küche stehen haben.
  • Der Streaming-Druck: Das hauseigene Premium-Abo Klassik Radio Plus muss nun im Rekordtempo wachsen, um die wegfallenden klassischen Werbeumsätze aufzufangen. Hier tritt das Augsburger Unternehmen allerdings gegen globale Tech-Giganten wie Spotify oder Apple Music an, die über unbegrenzte Marketingbudgets verfügen.
  • Das Downlisting: Bereits Ende des Jahres 2024 zog sich die Aktie aus dem regulierten Markt zurück und notiert seither im weniger transparenten m:access-Segment der Börse München. Für private Anleger bedeutet das weniger strenge Publizitätspflichten des Unternehmens, ein Schritt, der unter Analysten selten Begeisterung auslöst.
  • Fazit für Investoren: Die Klassik Radio AG ist hochgradig profitabel, operiert aber aus einer Nische heraus. Der Verzicht auf UKW ist ein mutiger Befreiungsschlag gegen hohe Infrastrukturkosten, birgt aber das Risiko, die ältere, kaufkräftige Kernklientel zu verlieren. Die Zukunft wird keineswegs ein Selbstläufer, sondern hängt eiskalt davon ab, wie schnell die App-Zahlen im rein digitalen Betrieb steigen.

An der Spitze der Sendergruppe steht seit Jahrzehnten der Medienunternehmer Ulrich R. J. Kubak, der das Unternehmen als Gründer und CEO steuert. Der gebürtige Augsburger gilt in der Branche als visionärer, aber auch als extrem eigenwilliger Stratege, der das operative Geschäft mit harter Hand führt. Dass eine geplante personelle Erweiterung des Vorstands im Frühjahr des Jahres 2025 kurzfristig platzte, wirft Fragen zur internen Machtverteilung auf. Er hält über seine Holding die klare Aktienmehrheit, weshalb kritische Stimmen bemängeln, dass der Aufsichtsrat kaum ein Gegengewicht zu seinen radikalen Digital-Entscheidungen bilden kann. Kubak hat den Sender groß gemacht, doch das personenzentrierte Management birgt Klumpenrisiken für die Zukunft.



Ein neuer Ton im Herzen der Schwabenmetropole Augsburg

​Die Erfolgsgeschichte von Klassik Radio begann am Samstag, 21. März 1987 im bekannten Augsburger Hotelturm. Von diesem markanten Punkt aus eroberte der Sender die Ohren der Musikliebhaber. Später konzentrierte das Medienunternehmen seine Kräfte zeitweise in Hamburg, schloss jedoch im Zuge einer Zentralisierung diese dortigen Standorte und Filialen wieder. Im Oktober 2021 folgte schließlich der große Schritt zurück zu den eigenen Wurzeln.

​Der spektakuläre Umzug führte das Team aus der schwindelerregenden 35. Etage des Hotelturms direkt in das pulsierende Leben der Innenstadt. Das neue Sendezentrum befindet sich in einem historischen Gebäude direkt am beliebten Stadtmarkt. Das ehemalige Stadtarchiv wurde für rund zwölf Millionen Euro aufwändig saniert und erstrahlt nun als das prachtvolle «Palais am Stadtmarkt». Gründer Ulrich Kubak schätzt die neue Nähe zum Augsburger Leben sehr. Von hier aus sendet das Unternehmen sein Programm mittlerweile modern und zukunftsorientiert über DAB+ sowie digitale Streamingdienste in die gesamte Welt.



Das abgebildete Firmenschild an der Fassade in der Fuggerstraße 12 offenbart bei genauerer Betrachtung das komplexe, verschachtelte Firmenkonstrukt rund um die Klassik Radio AG in Augsburg. Das Gebäude, das ehemalige historische Stadtarchiv, wird heute werbewirksam als »Palais am Stadtmarkt« betitelt.

​Die beiden Radiomarken

  • klassik radio: Die Hauptmarke des Hauses. Strategisch befindet sich das Unternehmen in einem radikalen Wandel, da es sich rigoros von der analogen UKW-Verbreitung verabschiedet hat und voll auf digitale Kanäle wie DAB+ und die hauseigene Streaming-Plattform »Klassik Radio Select« setzt.

  • beats radio: Diese 2021 gegründete Marke ist der Versuch, eine jüngere, elektronische Zielgruppe im Bereich Deep House und Nu Disco zu erschließen. Sie wird als rein digitales Spartenprogramm betrieben.

​Das Firmengeflecht unter der Lupe

Die lange Liste an Gesellschaften auf der rechten Seite des Schildes ist ein klassisches Beispiel für eine Segmentierung nach Ländern, Aufgaben und Rechten, was aus unternehmerischer Sicht Risiken minimiert, aber die Transparenz erschwert:

  • Klassik Radio AG: Die börsennotierte Muttergesellschaft, die alle Fäden in der Hand hält. Angeführt wird das Medienhaus seit jeher vom Gründer Ulrich R. J. Kubak. Jüngst stand die AG vor allem wegen des angestrebten Delistings (Rückzug von der Börse) im Fokus, das über die ebenfalls auf dem Schild stehende UK Media Invest GmbH – die Investmentgesellschaft der Familie Kubak – abgewickelt wird.

  • Klassik Radio GmbH / Direkt GmbH / Austria GmbH: Dies sind die operativen Töchter. Die Aufteilung in eine eigene Gesellschaft für Österreich (Austria GmbH) dient steuerlichen und medienrechtlichen Abgrenzungen im Nachbarland.

  • Euro Klassik GmbH & FM Radio Network GmbH: Das FM Radio Network war 1989 Kubaks Einstieg in das nationale Radiosyndication-Geschäft (Zulieferung von Programminhalten). Diese Firmen bilden das organisatorische Rückgrat für die Vermarktung und Drittproduktionen außerhalb des reinen Sendebetriebs.

  • Palais am Stadtmarkt GmbH: Hierbei handelt es sich um die reine Immobiliengesellschaft, die das sanierte Gebäude in der Augsburger Innenstadt verwaltet.

​Kritische Stimmen aus dem Inneren

Hinter der polierten Fassade des Kultur- und Digitalpioniers brodelt es laut gängigen Arbeitgeber-Bewertungsportalen wie Kununu und Indeed immer wieder. Während die Geschäftsführung das Sendezentrum als hochmodernes, flexibles Vorzeigeobjekt mit flachen Hierarchien anpreist, beklagen Angestellte in anonymen Berichten häufig einen enormen Leistungsdruck, eine hohe Personalfluktuation und eine von oben herab diktierte Unternehmenskultur. Das firmeninterne Klima wird dabei mitunter als deutlich weniger harmonisch beschrieben, als es die sanften Klänge des Radioprogramms vermuten lassen.


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