Unter all den Zeichen und Wundern, welche uns der allmächtige Gott jetzt schon seit längerem in den Elementen und an manchen Kreaturen gezeigt hat, ist das, welches man derzeit in Augsburg sehen kann, nicht das geringste und unbedeutendste. Uns ist aus der Passionsgeschichte bekannt, daß unser Herr und Heiland Jesus Christus damals, als er unter der schweren und unerträglichen Last unserer Sünden seinen bitteren Weg des Leidens und Sterbens antrat und auf dem Ölberg innig betete, der himmlische Vater wolle, wenn es möglich sei, diesen Kelch von ihm nehmen, daß er damals aus Angst Blut geschwitzt und vergossen hat. Außer unserem Herrn Jesus Christus kennt man nicht viele Fälle, in denen ein Mensch Blut geschwitzt hätte. Bis heute hören wir, was das Blutschwitzen anbelangt, immer von ein und demselben Fall, von dem nachfolgend kurz berichtet wird.
In der bekannten Stadt Augsburg wohnt ein Bürger namens Bartholomäus Kreutzer, seines Zeichens Kürschner. Dieser hat mit seiner Gattin Anna einen Sohn gezeugt, den sie auf den Namen Johannes taufen ließen. Um die letzte Fastnacht herum ist er acht Jahre alt geworden. Er ist ein hübscher Knabe mit gesunden Gliedern, wohlgestalt und gescheit, wie diese Abbildung zeigt, welche von ihm mit Einwilligung seiner Eltern am 14. März 1588 gemacht worden ist.
Etwa 18 Wochen zuvor hat er angefangen, ganz oben am Kopf Blut zu schwitzen. Das Blut ist ätzend gewesen und hat ihm das Haar weggefressen, so daß er geradezu eine Glatze oder Platte bekommen hat. Später, ungefähr sieben Wochen, bevor die Abbildung angefertigt wurde, hat er dann angefangen, auch im Gesicht und an den Händen und Füßen Blut zu schwitzen. Doch hat er anfänglich nicht so oft und stark geschwitzt wie jetzt. Denn je länger es geht, desto öfter und stärker wird es, so daß es mitunter drei- oder viermal am Tag passiert. Gemeinhin aber pflegt er morgens zwischen sechs und sieben Uhr am meisten zu schwitzen. Er wird dabei dermaßen von Blut besprengt und überflossen, daß man meinen könnte, er wäre verwundet oder es wäre ihm sonst irgendein körperlicher Schaden widerfahren. Wischt man aber den blutigen Schweiß ab, so ist er lieblich und rein, und man sieht ihm nichts an, genauso, wie wenn man jemandem eben den Schweiß abtrocknet. Häufig wird er schwach, insbesondere dann, wenn viele Leute um ihn herumstehen. Er fällt dann in Ohnmacht. Wenn die Ohnmacht vorüber ist, steht er wieder auf, ist fröhlich und guten Muts und geht, wie gewohnt, seinen Weg, als ob ihm nie etwas gefehlt hätte. Wenn er jedoch schwitzt und er die Hand ein wenig zusammenpreßt, bildet sich so viel Blut, daß ihm geradezu eine kleine Lache in der Hand steht.
Seine Eltern haben das lange Zeit verborgen gehalten und wollten es niemandem offenbaren, bis einige Nachbarn und Freunde den Vater schließlich dazu gebracht haben, den Knaben amtlich zugelassenen Ärzten vorzuführen und ihn untersuchen zu lassen.
Diese haben das Ganze allerdings nicht anders denn als ein großes Mirakel und Wunderwerk betrachten können. Zur Zeit wird der Knabe von vielen namhaften Personen hohen wie niederen, geistlichen wie weltlichen Stands in Augenschein genommen.
Was nun dieses unnatürliche Blutschwitzen eines so kleinen und unschuldigen Knabens bedeutet oder was uns der allmächtige Gott dadurch zu verstehen geben will, weiß derselbige allein am besten. Er möge uns allen seinen Heiligen Geist senden, daß er uns zu Reue und Trauer über unsere Sünden, die wir zu verantworten haben, bewege. Auf dass wir 14 eifrig beten, unaufhörlich Gott anrufen und sprechen: "Herr, wir und unsere Väter haben gesündigt und Unrecht getan. Strafe du uns nicht in deinem Zorn". Amen.
. . .
Eine Geschichte aus der Frühzeit der Sensationspresse

Kommentare
Kommentar veröffentlichen