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| Bei diesem Gemälde sind Bären in zwei Käfigen im Perlachturm zu erkennen. |
Der Perlachturm und die Bären: Historische Realität, Zirkusspektakel oder Etymologie-Mythos?
In der Kunstgeschichte sowie im Augsburger Volksmund taucht das Motiv der Bären am Perlachturm immer wieder auf. Heinrich Dormeier verweist in seinen Analysen der berühmten Augsburger Monatsbilder explizit auf den historischen Befund: «Im Bärenzwinger sind echte Bären eingesperrt.» Doch wie realistisch ist die Vorstellung, dass am Fuße des stolz emporragenden Wahrzeichens von Augsburg tatsächlich lebende Raubtiere gehalten wurden? Die Historie bietet dazu verschiedene Erklärungsmuster.
Die These des echten Bärenzwingers
Für die tatsächliche Existenz spricht die im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit weit verbreitete Praxis der Raubtierhaltung. Herrscher, Reichsstädte und vermögende Patrizier hielten Bären, Löwen oder andere exotische Tiere als lebende Machtsymbole. Der Bär – Sinnbild für Stärke und ungebändigte Naturgewalt – diente in mehreren Städten als Repräsentationsobjekt.
Die Anlage von Zwingern oder vergitterten Unterständen im massiven, romanisch-gotischen Sockelbereich des Perlachturms war baulich durchaus denkbar. Raubtiere in Zwingern an zentralen Plätzen auszustellen, gehörte zum Repräsentationsbedürfnis einer stolzen Reichsstadt.
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Bär mit Bärentreiber unterhält das Publikum. (Kupferstich: Batolomeo PinellI) |
Die volkstümliche Etymologie
Andererseits spricht vieles dafür, dass hier eine nachträgliche Worterklärung vorliegt. Heinrich Dormeier merkt dazu an, dass die «volkstümliche Deutung des Namens Perlach als eines Platzes, an dem Bären gefangen gehalten wurden, allerdings erst Anfang des 17. Jahrhunderts aufgekommen sein soll.»
Die Namensforschung kennt verschiedene Erklärungsansätze für den Begriff Perlach:
Der Bärenplatz (Per & Lach):
Die populäre Deutung leitet den Namen von altdeutschen Wörtern für Bär (Per) und Tanz oder Fest (Lach) ab. Demnach wäre der Platz ein Vorführort für fahrende Schausteller mit Tanzbären gewesen. Der Verlesungsort (perlego):
Eine weitere Abscheidung führt das Wort auf das Lateinische perlego (durchlesen) zurück, da auf dem Perlachplatz städtische Verordnungen und Urteile verlesen wurden. Der Sprachimport aus dem Italischen: Neuere sprachwissenschaftliche Forschungen ziehen Parallelen zum romanisch-italienischen Sprachraum, in dem Wörter wie perlaco sowohl Zwinger als auch Vorführplätze für Tiere bezeichnen konnten.
Wanderzirkus, Schausteller und Bildtradition
Gegen eine dauerhafte städtische Bärenhaltung am Perlachturm spricht das Fehlen eindeutiger archivalischer Abrechnungen über Futter- und Pflegekosten in den Augsburger Baumeisterbüchern, wie sie für andere städtische Einrichtungen detailliert vorliegen.
Wahrscheinlich ist daher eine Mischung aus kurzzeitiger Nutzung und bildlicher Tradition: Schausteller nutzten den geschäftigen Perlachplatz, um Bären gegen Entgelt vorzuführen. Das Bildprogramm der Monatsbilder greift diese Szenen auf und verdichtet die reale Marktatmosphäre mit typischen Motiven der Frühen Neuzeit. Ob es sich bei den Bären im Zwinger also um eine dauerhafte städtische Haltung, ein fahrendes Zirkusspektakel oder um eine humanistische Namensdeutung handelt, bleibt eines der kulturhistorischen Rätsel Augsburgs.

