Wenn Worte wie Pistolen schießen: ein triumphaler, bitterer Böll-Abend auf der brechtbühne


Was macht ein System mit einem Menschen, wenn es ihn erst einmal im Fadenkreuz hat? Mit Heinrich Bölls Klassiker „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ gelang Regisseur Tom Kühnel am gestrigen Abend in der brechtbühne im Gaswerk ein fulminanter, bitterer Saisonauftakt für das Staatstheater Augsburg. Rund 50 Jahre nach dem Erscheinen des Romans beweist dieser analytische Krimi eine erschreckende, seismografische Aktualität im Zeitalter digitaler Hetzkampagnen.

Eine Welt, die aus den Fugen gerät

Das Bühnenbild von Thomas Rump fängt die Isolation der Protagonistin genial ein: Die vermeintlich sicheren vier Wände der Wirtschafterin Katharina Blum werden zum gläsernen Präsentierteller, der im Laufe des rasanten Abends immer einsehbarer wird und buchstäblich ins Kippen gerät. Ein Sinnbild für das wegbrechende Fundament eines unbescholtenen Lebens. Die Kostüme von Daniela Selig schlagen dazu eine kluge Brücke: Sie verankern das Geschehen optisch fest im Look der 70er-Jahre und spielen pointiert mit militaristischen Elementen der folgenschweren Karnevalsnacht.



Das Ensemble im emotionalen Clinch

Die Inszenierung lebt von der schauspielerischen Präzision und der enormen Spielfreude des Ensembles des Staatstheaters Augsburg. Michael Schrodt verleiht seinen Rollen als Alois Sträubleder und Staatsanwalt Peter Hach eine herrlich schmierige, doppelbödige Note, ein perfektes Abbild der scheinheiligen gesellschaftlichen Elite. Ihm gegenüber steht Natalie Hünig als Architektin Trude Blorna, die mit kühlem Verstand und wachsender Verzweiflung versucht, gegen das drohende Unheil anzukämpfen. Thomas Prazak spielt den Hauptkommissar Erwin Beizmenne mit einer beängstigenden, bürokratischen Kälte, während Sebastian Müller-Stahl als Anwalt Blorna die Ohnmacht des Rechtsstaates greifbar macht.



Der absolute Besetzungscoup ist jedoch das Zusammenspiel zwischen Katja Sieder und Jannis Roth. Roth verkörpert das Skrupellose des Boulevardjournalisten Werner Tötges mit einer derart zudringlichen, physischen Präsenz, dass man im Zuschauerraum das Frösteln bekommt.

Bölls Stimme aus dem Mund der Blum

Ein genialer Regieeinfall bricht die vierte Wand auf zutiefst literarische Weise: Mitten in der Hetzjagd hält das Geschehen inne. Katja Sieder tritt an die Rampe und es ist, als ob Heinrich Böll selbst durch sie spricht, wenn sie Zeilen aus dem berühmten Vorwort direkt an das Publikum richtet:
„Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“

Sieder spricht diese Worte nicht als bloßen Text, sondern als bitteren, klaren Vorwurf. Bölls gesellschaftskritische Stimme wird hier zu Katharinas stärkster Waffe gegen ihre medialen Peiniger.


Ein orchestraler Albtraum aus Tasten und Stimmen

Ein riesiges Lob gebührt der musikalischen Umsetzung unter der Leitung von Stefan Leibold. Die Livemusik verkommt nie zur bloßen Untermalung, sondern treibt das Geschehen aktiv voran. Das Keyboardspiel ist meisterhaft eingesetzt: Es wechselt rasant zwischen psychedelischen 70er-Jahre-Orgelklängen, die die paranoide Stimmung der Karnevalsnacht anheizen, und minimalistischen, fast zärtlichen Melodien in den Momenten der Isolation.



Dazu kommt der phänomenale Gesang des Bürgerchors (Statisterie). Die musikalischen Arrangements verwandeln die Sensationsgier der Masse in einen beklemmenden, polyphonen Klangteppich. Wenn der Chor die reißerischen Schlagzeilen der „ZEITUNG“ im Kanon singt, vermischen sich Volksfeststimmung und Lynchjustiz zu einem orchestralen Albtraum, der dem Publikum durch Mark und Bein geht.

Fazit: ein rasanter, pointierter und schmerzhaft aktueller Theaterabend. Das Ensemble des Staatstheaters feiert einen verdienten Erfolg, der nachhallt. Großer Applaus für ein perfekt gestimmtes Gesamtkunstwerk.



Ein persönlicher Rückblick: vom Zwang zur zeitlosen Erkenntnis

Als am Ende der Vorstellung der minutenlange und völlig verdiente Applaus durch die ausverkaufte brechtbühne raste, ertappte ich mich bei einem sehr persönlichen Gedanken. Ich musste unwillkürlich an das Jahr 1980 zurückdenken. Damals wurde ich in der Schule mit genau dieser Lektüre konfrontiert – oder besser gesagt: mehr oder weniger gequält. Was war das damals für ein zähes Herumplagen mit Bölls Schachtelsätzen und dem moralischen Zeigefinger der alten Bundesrepublik!

Doch gestern Abend passierte etwas Versöhnliches. Diese Inszenierung hat den Staub von damals komplett weggeblasen. Sie zeigt, dass das, was uns als Jugendlichen im Unterricht oft trocken und fern vorkam, ein erschreckend zeitloser Kern ist. Auch wenn ich mich damals durch die Seiten plagen musste: Bölls Inhalte, seine Abrechnung mit der Vorverurteilung und der Macht der Worte, regen mich bis heute zum Nachdenken und Diskutieren an. Gestern hat das Staatstheater bewiesen, dass gute Literatur nicht altert. Sie wartet nur auf einen versöhnlichen Theaterabend!



Bericht: Lina Mann
Fotos: Jan-Pieter Fuhr

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BESETZUNG

​Katharina Blum: Katja Sieder  
​Erwin Beizmenne, Hauptkommissar: Thomas Prazak  
​Dr. Hubert Blorna, Anwalt: Sebastian Müller-Stahl  
​Trude Blorna, Architektin: Natalie Hünig  
​Alois Sträubleder / Peter Hach, Staatsanwalt: Michael Schrodt  
​Werner Tötges, Journalist: Jannis Roth  

​Live-Musik: Stefan Leibold  
​Chor: Statisterie des Staatstheater Augsburg  

​Inszenierung: Tom Kühnel  
​Bühne: Thomas Rump  
​Kostüme: Daniela Selig  
​Musik: Stefan Leibold  
​Licht: Alexander Cappek  
​Dramaturgie: Mara Goga 
 
​Produktion und Technik
​Regieassistenz & Abendspielleitung: Simone Kukral  
​Bühnenbildassistenz: Susi Weber  
​Produktionsleitung Kostüm: Katja Schröpfer  
​Dramaturgiehospitanz: Viktoria Podeswik  
​Theatervermittlung: Veronika Regler  
​Inspizienz: Camilla Schneider  
​Soufflage: Eva Wolff, Fabienne Wagner  
​Leitung Statisterie: Florian Tilscher  
​Bühnenmeister: Florian Hartmann  
​Beleuchtungsmeister: Alexander Cappek  
​Tontechnik: Christian Sonnberger  
​Videotechnik: Robert Zorn  
​Maske: Veronika Eßer, Carolin Scheible, Anni Albrecht  

​Requisite: Karoline Kuschmitz, Klaus Reich  
​Ankleidewesen: Beate Holzmann, Ida Zoe Starken, Tugce Zimmermann  



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