Das vielseitige literarische Wirken von Ulrike Schrimpf!

Ulrike Schrimpf: Ihr kommender Roman wird bei Suhrkamp erscheinen.
(Foto: Andrea Peller) 



Wer der Literatur von Ulrike Schrimpf begegnet, spürt schnell, dass hier eine Autorin schreibt, die sich den einfachen Kategorisierungen entzieht. Seit ihrem Umzug nach Augsburg im Jahr 2023 hat sich die 1975 in West-Berlin geborene Schriftstellerin zu einer der dynamischsten und vielseitigsten Stimmen der lokalen Literaturszene entwickelt. Von experimenteller Lyrik über unkonventionelle Romane bis hin zu preisgekrönter Kinderliteratur baut Schrimpf einen weiten Bogen, der nun mit einer mit Spannung erwarteten Veröffentlichung im nächsten Jahr einen neuen Höhepunkt erreichen soll.

Intimität und Verletzlichkeit: »Mein anfällig gewordenes Herz«

Ein zentraler Meilenstein ihres lyrischen Schaffens ist der im Oktober 2024 erschienene Gedichtband »Mein anfällig gewordenes Herz«, erschienen in der Corvinus Presse. Eindrucksvoll grafisch begleitet von Axel Holst. Die darin enthaltenen Verse wurden von der Kritik als »ins Fleisch schneidend«, voller »Abschiedsglut und Glück« gefeiert. Eine lyrische Vermessung der schmerzhaften Wunder der Kindheit, gepaart mit der schrittweisen Zerklüftung des Körpers in den mittleren Jahren und einem unbändigen, hoffnungsvollen Verlangen.

Wie intensiv Schrimpfs Lyrik wirkt, wenn sie die gedruckte Seite verlässt, erlebten die Augsburgerinnen und Augsburger am Sonntag, 10. November 2024, bei einer lyrischen Sonntagsmatinee im traditionsreichen Brechthaus. Im Gespräch mit dem Buchhändler Kurt Idrizovic gab Schrimpf tiefe Einblicke in ihre Herangehensweise an das Dichten. Die Lesung entwickelte sich zu einem synästhetischen Gesamtkunstwerk, als ihr Ehemann Jens Wietschorke, auch Autor, die Lesung am Klavier mit einem packenden Sound begleitete. Es ist genau diese Bereitschaft zur Verschmelzung verschiedener Kunstformen, die Schrimpfs Auftritte so einzigartig macht.

Kunst als emotionale Dimension des Erinnerns

Diese interdisziplinäre Arbeitsweise prägt auch Schrimpfs Engagement für die historische Erinnerungskultur. Am Mittwoch, 29. April 2026, dem 81. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau und der Befreiung der Schwabenmetropole Augsburg von der NS-Herrschaft, stand Schrimpf im Mittelpunkt der Gedenkveranstaltung »Klänge ohne Augen zeugen« im Kulturhaus Abraxas.

Dort las sie aus ihrem außergewöhnlichen Gedichtzyklus »engramme. dinge ohne augen zeugen«. Diese Gedichte nehmen persönliche Effekten, wie Familienfotos und Eheringe, die in den hessischen Arolsen Archives aufbewahrt werden, als emotionalen Ausgangspunkt. Begleitet von elektronischer Livemusik des Augsburger Klangkünstlers EMERGE und Lyrik von Gerald Fiebig verlieh Schrimpf den stummen Archivstücken eine tief berührende, emotionale Dimension. Sie zeigt damit, wie lebendige Erinnerungsarbeit im 21. Jahrhundert aussehen kann, wenn die letzten Zeitzeugen verstummen.

Grafik von Axel Holst aus dem aktuellen Lyrik-Band von Ulrike Schrimpf.


Das literarische Spektrum: Von »Lauter Ghosts« bis zu »Zara«

Schrimpfs formale Innovationskraft zeigt sich nicht nur in der Lyrik, sondern auch in ihrer Prosa. Ihr literarisches Roman-Debüt »Lauter Ghosts«, 2023 im Verlag Literatur Quickie erschienen, brach radikal mit klassischen Erzählstrukturen. Der Roman ist eine kunstvoll montierte, zeitgenössische Tragödie im Metaversum, die vollständig aus Chatverläufen, Profilkommentaren und privaten Online-Nachrichten besteht. Ohne jede allwissende Kommentierung spiegelt das Buch die Sprachrealität unserer digitalen Gegenwart wider, in der sich profane Einwortkommentare und hochpoetische Passagen abwechseln.

Auf der anderen Seite des Spektrums steht ihr gefeiertes Werk für junge Leser. Mit der dreiteiligen Kinderbuchreihe rund um das willensstarke Mädchen »Zara«, erschienen von 2013 bis 2015, schuf Schrimpf moderne Klassiker. Die Geschichten über Zara und ihren Bruder Jonathan, »Jonnie-Poponnie«, der das Downsyndrom hat, behandeln Themen wie Musik, familiären Zusammenhalt und Inklusion auf wunderbar lebensbejahende Weise.

Diese Arbeit an der Schnittstelle von Phantasie und gesellschaftlicher Realität wird auch von offizieller Seite hoch geschätzt. Im März 2026 wurde Ulrike Schrimpf für die Arbeit an einem neuen Kinder- und Jugendbuch mit dem renommierten, zwölfmonatigen Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds ausgezeichnet.

Ausblick: Ein musikalischer Roman mit »Coda«?

Nach ihren Erfolgen in Lyrik, Kinderbuch und digitaler Prosa richtet sich der Blick von Schrimpf in der literarischen Welt nun mit großer Vorfreude auf das nächste Jahr. Zur Leipziger Buchmesse 2027 soll ihr mit Spannung erwarteter neuer Roman »Coda« beim renommierten Suhrkamp-Verlag erscheinen.

Während die Details des Inhalts noch unter Verschluss gehalten werden, deutet bereits der musikalische Begriff des Titels, die »Coda« als abschließender, klanggebender Teil eines Musikstücks, auf ein Werk hin, das sich nahtlos in Schrimpfs wiederkehrende Motive von Abschied, Vergänglichkeit und der alles überdauernden Kraft der Kunst einfügt. Nach dem experimentellen Stimmengewirr von »Lauter Ghosts« darf man gespannt sein, welche formalen Pfade Schrimpf in diesem neuen Werk beschreitet und wie sie darin das musikalische Leitmotiv inszeniert, das sich bereits durch ihr gesamtes Leben und Schreiben zieht.

Mit dem kommenden Roman »Coda« und ihrer unermüdlichen Präsenz auf den Bühnen der Stadt Augsburg bleibt Ulrike Schrimpf eine der aufregendsten literarischen Entdeckungen, die Augsburg in den letzten Jahren machen durfte.


P.S.: Der aktuelle Gedichtband "Mein anfällig gewordenes Herz" von Ulrike Schrimpf kann in der Augsburger Buchhandlung am Obstmarkt erworben werden.


Bericht: AL

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