Ritter, Klamauk und viel Herz: »Monty Python’s Spamalot« rockt die Freilichtbühne am Gaswerk!

 

Endlich gefunden: Der Heilige Gral, jedenfalls im Musical
»Spamalot« auf der Freilichtbühen im Augsburger Gaswerk.
(Foto: Jan-Pieter Fuhr)

Wer am Samstag, den 18. Juli 2026 abends die Freilichtbühne des Staatstheaters Augsburg auf dem Gaswerkgelände besuchte, erlebte weit mehr als nur ein lustiges Musical. Das Stück »Monty Python’s Spamalot« war ein fantastisches Beispiel dafür, wie moderne Inklusion im Theater heute fast ganz selbstverständlich gelebt wird. Das Staatstheater Augsburg und sein leitender Hausregisseur David Ortmann verdienen hier ein riesiges Lob. Sie entwickeln ihr Inklusionsprogramm dauerhaft und mit spürbarem Herzblut weiter. Das ist sehr erfreulich und vorbildlich. Von der Abendkasse bis zum Schlussapplaus hat einfach alles gestimmt. Auch das Wetter spielte anfangs gut mit. Es war ein schöner Sommerabend unter freiem Himmel. Später wurde es am Gaswerk allerdings doch ganz schön kühl.

Die Geschichte: Ein Kult-Film wird zum Musical

Das Musical hat eine berühmte Geschichte. Es basiert auf dem Kult-Film »Die Ritter der Kokosnuß« der britischen Comedy-Gruppe Monty Python aus dem Jahr 1975. Die Truppe war weltberühmt für ihren absurden, schwarzen Humor.

Das Stück hat keinen klassischen roten Faden. Es ist eher eine Aneinanderreihung von lustigen Sketchen und kleinen Geschichten. Die Ritter erleben auf der Suche nach dem heiligen Gral lauter verrückte Abenteuer. Im Jahr 2005 wurde aus dem Film ein extrem erfolgreiches Broadway-Musical, das den alten Film-Witz mit fetziger Musik verbindet. Das Staatstheater beweist, dass dieser englische Humor im Augsburg von 2026 hervorragend funktioniert. 

Nebenbei bekamen auch noch alternde Lustmolche wie Thomas Gottschalk ihr Fett weg als von Männerhänden auf Frauenknien gesungen wurde ...

Barrierefrei von Anfang an: Toller Service und digitale Helfer

Menschen mit Hörbeeinträchtigung gehören an diesem Abend in besonderer Weise ganz zum Publikum dazu. Der Service fing deshalb schon an der Abendkasse an. Dort unterstützte bei Bedarf und Fragen eine Gebärdendolmetscherin die Gäste direkt beim Ticketkauf.

Ein wichtiger Bestandteil des Abends war die Einführung direkt vor dem Stück. David Ortmann hielt diese Einführung in einem Zelt selbst, während eine Gebärden-Dolmetscherin seine Worte live übersetzte. Um alles anschaulich zu machen, zeigte eine Assistentin dazu große Fotos, auf denen man die farbigen Kostüme und das Bühnenbild vorab ganz genau aus der Nähe betrachten konnte.

Einführung durch Regisseur David Ortmann für die Besucherinnen und Besucher
des Musicals im Gaswerk mit Hörbeeinträchtigung.

Besonders stark: Das Staatstheater sucht den direkten Austausch auf Augenhöhe und wünscht sich ausdrücklich Feedback gleich nach dem Stück aus der Community, um das barrierefreie Angebot immer weiter zu verbessern. Ein genialer Service waren zudem die »Untertitel für die Hosentasche«. An der Abendkasse konnte man über einen QR-Code auf dem eigenen Smartphone ein digitales Angebot aktivieren. So konnte man während der Aufführung live am Handy deutsche Untertitel mitlesen, wahlweise sogar mit genauen Beschreibungen von Geräuschen und wichtigen Infos. Ein dickes Extralob gibt es außerdem für das gedruckte Programmheft. Das war extrem schön und liebevoll gestaltet und kann als PDF barrierefrei heruntergeladen werden.

Echte Profis auf der Bühne: Warum Deaf Performer den Unterschied machen

Bei den Vorstellungen mit Gebärdensprachverdolmetschung (DGS) auch noch am Sonntag, den 19. Juli 2026, wurden alle Dialoge und Lieder live übersetzt. Dass Dolmetscher auf der Bühne stehen, die selbst taub sind, ist eine großartige Neuerung, die das Staatstheater bereits in anderen Stücken erfolgreich erprobt hat. David Ortmann erklärt dazu treffend: Für das gebärdensprachkompetente Publikum macht das einen riesigen Unterschied, und es war ein großer Wunsch aus der Community. Gehörlose Performer finden in ihrer eigenen Muttersprache einfach besonders klare und verständliche Bilder. Außerdem gehört es zur gelebten Selbstverständlichkeit, dass Menschen mit Behinderung nicht nur im Publikum sitzen, sondern auch als Künstler auf der Bühne stehen.

Mit grüner und rosa Schärpe auf der Musical-Bühne im Gaswerk:
die beiden Deaf-Performer Sabine Scherbel und Eyk Kauli.


Für diese anspruchsvolle Aufgabe hat das Theater zwei absolute Top-Kräfte der Szene verpflichtet: Sabine Scherbel (sie übersetzte unter anderem den Kinohit »Barbie« in DGS) und Eyk Kauli (bekannt aus vielen großen TV- und Filmproduktionen, unter anderem für das ZDF). Beide arbeiten regelmäßig an renommierten Theatern in ganz Deutschland.

Die harte Nuss: Wie übersetzt man schwarzen Humor?

Das Stück wurde ursprünglich von hörenden Komikern für ein hörendes Publikum geschrieben. Der typische schwarze Humor basiert oft auf schnellen Wortspielen. Wie David Ortmann in der Einführung betonte, ist so eine Übersetzung alles andere als einfach, um den Clou treffsicher rüberzubringen. Ob es gelungen ist, können nur die Zuschauerinnen und Zuschauer mit Hörbehinderung beantworten.

Ein gutes Beispiel für das spürbare Können von Sabine Scherbel und Eyk Kauli ist der legendäre Schwarze Ritter. Wenn er im Kampf seine Glieder verliert und hörend schreit: »Es ist nur eine Fleischwunde!«, übersetzen die beiden das nicht trocken. Sie transportieren den absurden britischen Humor durch eine völlig übertriebene, trotzige Mimik und extrem zugespitzte, ironische Gebärden. Der Witz wird so visuell völlig neu erschaffen, sehr gelungen.

Höchstleistung am Bühnenrand: Wie arbeiten Deaf Performer?

Da die Bühne am Gaswerk in ihren Möglichkeiten begrenzt ist, übersetzten Sabine und Eyk als Deaf Performer zeitgleich von einem festen Platz am Bühnenrand aus. Aber wie machen sie das eigentlich, wenn sie den Ton gar nicht hören? Das ist das Ergebnis von enormer Vorarbeit:

  • Visuelle Bildsprache: Die DGS hat eine ganz eigene Grammatik. Lieder und Witze wurden vorab aufwendig in visuelle Metaphern übertragen.

  • Muskelgedächtnis und Vibrationen: Die Abläufe wurden so lange geprobt, bis jeder Einsatz perfekt saß. Die Performer zählen die Takte im Kopf mit und spüren die tiefen Bässe, die sich über den Bühnenboden übertragen.

  • Visuelle Signale: Sabine und Eyk orientieren sich an dem Bildschirm mit Schrift sowie den Scheinwerfern (Lichtwechsel dienen als Startzeichen) und halten Blickkontakt zur Gebärdendolmetscherin, die unten an der Tribüne sitzt, um an deren Lippenbewegung und Körpersprache das exakte Stichwort zu erkennen.

  • Mimik als Tonlage: Das Gesicht ersetzt die Stimme. Die Mimik zeigt messerscharf, ob eine Geste ernst, traurig oder Monty-Python-typisch ironisch gemeint ist.

Ein weiteres tolles Detail auf der Tribüne: Als weiteres Hilfsmittel gibt es Luftballons, die zur Verfügung gestellt wurden. Wenn man sie an den Körper hält, leitet die dünne Hülle die Schallwellen des Orchesters weiter. So können auch gehörlose Gäste den Rhythmus im Oberkörper spüren.

Ein wichtiger Hinweis für den Besuch: Die Plätze mit guter Sicht auf das Performer-Team muss man im Vorfeld gezielt buchen. Hier informiert das Theater weiterhin gut.

Die Magie des Theaters: Jeder darf alles sein!

In der Einführung mit David Ortmann wurde auch über die riesigen Möglichkeiten gesprochen, die das Theater bietet. Hier gilt die Freiheit der Kunst: Jeder und jede darf alles spielen. Männer dürfen Frauen spielen, Frauen dürfen Männer spielen, und alte Rollenklischees werden einfach weggewischt. Es geht um den Spaß am Verwandeln, und das tat dem Stück unglaublich gut.

Dazu passte ein spannender Theater-Gedanke, den David Ortmann erklärte: die sogenannte »vierte Wand«. Das ist die unsichtbare Wand zwischen der Bühne und dem Zuschauerraum. Früher spielten Schauspieler so, als ob das Publikum gar nicht da wäre. In Augsburg wurde im Stück extra eingeflochten, dass ausgerechnet der Augsburger Bert Brecht diese Methode der vierten Wand damals aufgebrochen hat. Denn in der Bert-Brecht-Stadt weiß man dieses Erbe zu schätzen. Heute ist die vierte Wand offen. Die Zuschauer wurden aktiv in das Stück einbezogen und direkt angesprochen, was den Abend noch viel lebendiger und witziger machte. Aber keine Angst: Niemand aus dem Publikum muss unfreiwillig auf die Bühne. Es wirft einfach die Frage auf: Wer darf ins Theater, wer kann kommen und was darf dort eigentlich passieren? Alles! Theater ist für alle da.

Die Kulisse: Die Notlösung am Gaswerk

Hinter der Kulisse steckte eine dramatische Situation: Das Staatstheater erfuhr erst sehr spät, dass die traditionelle Freilichtbühne am Roten Tor wegen schwerer Baumängel marode ist und gesperrt werden muss. Der erste Gedanke war ein Schock: Muss das Musical ausfallen?

Zum Glück wurde mit dem Gaswerksgelände eine schnelle Lösung gefunden.

  • Das Positive: Das alte Industrie-Gelände hat einen ganz besonderen, modernen Charme. Die Kulisse wirkt rau und aufregend. Das Theater hat das Beste mit den zusammen- und aufgebauten Containern als Bühnenhintergrund aus der Fläche herausgeholt.

  • Das Ehrliche: Es passen hier nur 800 Zuschauer hin, viel weniger als am Roten Tor. Es fühlt sich natürlich anders an als die historische Kulisse am Stadtgraben.

Das Ensemble: Großer Spaß im bunten Comic-Look

Die Regisseurin Anna Weber hat alle Gruppen und die Gebärden-Performer zu einem wilden, stimmigen Ganzen zusammengefügt. Die Kostüme von Laura Kirst wirken wie ein buntes Comic-Bild. Das Bühnenbild nutzt die weite Fläche perfekt aus.

Was bei dieser Aufführung besonders auffällt: Es gibt keinen einzelnen Star, der besonders hervortritt. Das gesamte Ensemble ist einfach gleich gut. Die Schauspielerinnen und Schauspieler zeigen eine fantastische Team-Leistung, bei der jeder jedem die Pointen zuspielt. Das loben auch andere Theater-Kritiken zu Recht. Alle Akteure sprühen vor Energie:

  • König Artus (Patrick L. Schmitz): Stolpert mit Kugelbauch und trockenem Humor durch sein Reich, was beim Publikum bestens ankommt.

  • Die Fee aus dem See (Katja Berg): Sie spielt die einzige echte Frauenrolle im klassischen Sinne des Stücks und glänzt als absolute Diva mit einer wahnsinnig kraftvollen Stimme und ständig wechselnden, funkelnden Kleidern.

  • Sir Lancelot (Marina Lötschert): Zeigt perfekt, was Theater darf, und spielt als Frau eine Männerrolle. Zuerst ist sie ein wilder Ritter in glänzender Rüstung. Nach einem überraschenden Show-Outing wechselt sie in ein extrem buntes, glitzerndes Outfit und wird zum absoluten Party-Mittelpunkt. Zudem überzeugt sie als Dennis’ Mutter mit viel Witz und Energie.

  • Sir Galahad (Hannes Staffler): Verwandelt sich toll vom dreckigen Anracho-Bauern zum eitlen Pracht-Ritter (und mimt auch Herberts Vater). Ein absoluter Brüller ist er als legendärer Schwarzer Ritter, der trotz abgehackter Gliedmaßen stur behauptet: »Nur eine Fleischwunde!« und einfach immer weiterkämpfen will.

  • Patsy (Johan Vandamme): Sorgt als treuer Diener für pure Lebensfreude. Da die Ritter kein Geld für echte Pferde haben, reiten sie auf »imaginären« Pferden. Sie tun also nur so, während Patsy hinterherläuft und rhythmisch zwei leere Kokosnusschalen aneinanderklappert, was täuschend echt nach Hufgeklapper klingt, der berühmteste Running Gag des Stücks und eine geniale Monty-Python-Idee. Mit dem Hit »Always Look on the Bright Side of Life« reißt er alle mit.

  • Sir Robin (Florian Gerteis): Amüsiert als feiger Ritter in absurder Rüstung.

  • Sir Bedevere (Mehdi Salim): Überzeugt als schusseliger Gelehrter, und Stephanie Marin setzt als Prinz Herbert im feinen Gewand treffsichere Akzente.

Ein echtes Highlight für Augsburger Insider war die Stimme Gottes: Der göttliche Auftrag zur Gralssuche kam hier vom Augsburger Stadionsprecher Rolf Störmann daher. Sogar die Stimme von Roy Black meldete sich noch mit viel Humor vom Augsburger Puppenspieler Florian Moch: »Ich bin nicht tot!«

Unterstützt werden sie vom Opernchor des Staatstheaters Augsburg. Die Sängergruppe wechselt blitzschnell die Rollen (mal französische Soldaten, mal Mönche, die sich Bretter vor den Kopf schlagen) und singt absolut kraftvoll. Das Ballett Augsburg und das Musicalensemble sorgen in glitzernden Show-Outfits für perfekt synchrone Tänze, während Sir Frauenquote den Abend charmant kommentiert.

Ein Sonderlob für die oft unerwähnte Abteilung Maske. Sie haben nicht nur tolle und verrückte Perücken geschaffen, ebenso Wahnsinns-Gesichter mit grell-düsteren Farben um die Augen, sondern auch in riesiger kreativer Fleißarbeit die vielen Pferdeköpfe für die Tänzerinnen und Tänzer geschaffen. 

Ohrwürmer zum Mitpfeifen: Musik und Orchester

Ein Musical lebt von seinen Songs, und bei »Spamalot« jagt ein musikalischer Kracher den nächsten. Die Lieder sind clever, eingängig und machen einfach gute Laune. Wenn das ganze Ensemble auf der Bühne beim weltberühmten Kult-Song »Always Look on the Bright Side of Life« pfeift und tanzt, reißt es das Publikum einfach mit. Man ertappt sich dabei, wie man die Melodie noch auf dem Heimweg leise vor sich hin summt.

Ein Lob geht an die Augsburger Philharmoniker unter der Leitung von Sebastiaan van Yperen. Obwohl sie nicht im Rampenlicht sitzen, spielen sie die Melodien mit unglaublich viel Swing, satten Bläsern und exaktem Timing. Die Musiker bringen die Abwechslung von Jazz, Broadway und Opern-Parodie perfekt rüber.

Wie geht es jetzt eigentlich mit der Freilichtbühne am Roten Tor weiter?

Das ist die große Frage, die sich viele Augsburger Theaterfans stellen. Die Sanierung der maroden Tribüne am Roten Tor ist eine Mammutaufgabe für die Stadt. Aktuell wird hinter den Kulissen intensiv geprüft, geplant und gerechnet, wie die Mängel dauerhaft behoben werden können. Für das Jahr 2026 bleibt das Gaswerk unsere feste Sommerbühne. Für das Jahr 2027 gibt es viele offene Fragen und auch Hürden.

Fazit: Schnappt euch Tickets und dicke Decken!

David Ortmann und das gesamte Team des Staatstheaters zeigen eindrucksvoll, dass echte Barrierefreiheit und erstklassige Unterhaltung zusammengehören, sich ergänzen und selbstverständlich werden sollten. Wer diesen Sommer noch nichts vorhat, sollte sich dieses Open-Air-Spektakel am Gaswerk auf keinen Fall entgehen lassen.

Die nächsten Termine im Juli 2026 (jeweils um 20:30 Uhr):

  • Mittwoch, 22. Juli 2026

  • Donnerstag, 23. Juli 2026

  • Freitag, 24. Juli 2026 (Inklusiver Termin mit Audiodeskription und Tastführung für blinde und sehbehinderte Menschen, Tastführung ab 19:15 Uhr)

  • Samstag, 25. Juli 2026 (Inklusiver Termin mit Audiodeskription und Tastführung für blinde und sehbehinderte Menschen, Tastführung ab 19:15 Uhr)

  • Dienstag, 28. Juli 2026 bis Freitag, 31. Juli 2026 (täglich)

Packt eure Sitzkissen, Decken und eine warme Jacke ein, holt euch das schöne Programmheft, unterstützt dieses tolle Theaterprojekt und erlebt einen unvergesslichen Sommerabend in Augsburg. Es lohnt sich absolut!

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